Friedrich Rückert

Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken,
Erstes Bändchen, 1836. III


1

Nun fliegt die Schwalbe weg, und nach ihr fliegt der Sommer;
Ist etwa noch zurück ein schöner Herbst, so komm' er!

Daß, wer noch seinen Theil von Jahrlust nicht genoß,
Genieße, bis das Buch der strenge Winter schloß.


2

Ich will den Winter durch die Kränze lassen hangen,
Die welken, bis im Lenz die Blüten neu entsprangen;

Ein Zeichen nicht allein der Freuden, die verblüht,
Auch künft'ger Unterpfand dem hoffenden Gemüth.


3

Ein wenig länger noch Geduld und froher Muth,
Und hell wird alle Trüb' und alles Übel gut.

Schon ist ein sanfter Stral dem Dunkel eingesprengt,
Ein süßer Vorschmack schon dem Bittern eingemengt.

Wenn ab der Schatten nur, wenn zu das Licht nur nimmt,
Wie schwer auch jener fällt, wie schwach auch dieses glimmt;

Ein wenig länger noch Geduld und froher Muth,
Und hell wird alle Trüb' und alles Übel gut.


4

Die Tage sehen wir, die theuren, gerne schwinden,
Um etwas theureres herangereift zu finden,

Ein seltenes Gewächs, das wir im Garten treiben,
Ein Kind das wir erziehn, ein Büchlein das wir schreiben.


5

Dein Wirken wirst du nach verschiednen Stund- und Tagen
Bald alzu niedrig, bald auch alzu hoch anschlagen.

Das sind des Hochmuths und des Kleinmuths böse Geister,
Die laß nie seyn in dir der rechten Demuth Meister.

Mit höchstem Selbstgefühl verträgt die Demuth sich:
O Werkzeug Gottes, du nicht wirkst, er wirkt durch dich.


6

Ei schäme dich, daß dir noch immer ganz der Zügel
Nicht fest ist in der Hand, noch fest der Fuß im Bügel.

Ei schäme dich, daß dich im Sattel wankelhaft
Noch immer wirft umher das Roß der Leidenschaft.


7

Mein Sohn, du sollst dich nur auf Straßen und auf Gassen,
Sehn mit ehrbaren, mit geehrten Leuten lassen.

Die halbe Ehr' ist dein, wenn man sich neigt vor ihnen;
Am Ende lernest du die ganze selbst verdienen.


8

Beglückt, wer alles nicht muß durch sich selber werden,
Sich nur anbilden darf vorbildliche Geberden;

Wer einen Vater hat, wer einen Lehrer findet,
Ein Muster, daran ihn Lieb' und Nachahmung bindet.

Er rankt daran empor mit unbewußtem Fleiß,
Und ist geworden gut und edel, eh ers weiß.

Und fühlt er dann, wozu Beruf und Pflicht ihn treiben,
Darf er bewußt, was unbewußt er ward, nur bleiben.


9

Wie hoch, wie tief du seist, will das dir nicht sich zeigen,
Doch fühlst du, ob du bist im Sinken oder Steigen.

Im Sinken fühlst du Schwer', im Steigen Leichtigkeit,
Dort von dir selbst gedrückt, und hier von Druck befreit.

Das merk, und denk dabei: Du kannst im freien Wallen
Steigen aus jeder Tief', aus jeder Höhe fallen.


10

Im großen Rechnungsbuch der Welt ist eingeschrieben,
Was wir genießen, was wir haben, was wir lieben.

Wie lang es zum Genuß auf dieser Welt uns bleibt,
Er weiß es, der das Buch in seinem Sinne schreibt.


11

Sich selber anzuschaun, der Schöpferkraft bewußt,
Erschuf Gott die Natur, den Spiegel seiner Lust.

Im Anblick der Natur wenn du dich fühlst erbaut,
Dann hast du ihn belauscht, der in den Spiegel schaut.


12

Du fühlst dich überall im Mittelpunkt der Welt,
Wo in dein Auge Sonn- und Mond- und Sternlicht fällt.

Kein Unterschied ist, ob du höher oder tiefer
Genüber ihnen stehst, gerader oder schiefer.

Wie Standes Abständ' auch hier auseinander wichen,
Vor der Unendlichkeit dort sind sie ausgeglichen.


13

Wo du mit der Natur dich fühlst im Gleichgewicht,
Zweifelst du an der Welt Vollkommenheit auch nicht.

Wol zweifeln magst du, wo das Gleichgewicht gestört,
Der Elemente Kampf ist gegen dich empört.

Doch muß der Menschengeist nur seine Waffen nützen,
Um gegen Himmelstrich und Jahreszeit zu schützen.

Und immer ist die Welt vollkommen ausgedacht,
Auch wo der Menschengeist sie erst vollkommen macht;

Weil ja der Menschengeist dazu grad' aufgenommen
Ist in den großen Plan, daß dieser sei vollkommen.


14

Du fragest, wo und wie im Land du wohnen sollest,
Wenn du des Menschen Zweck und Glück erreichen wollest.

Wohn' unter Himmelklar auf selbstbegrünter Flur,
Ruhend im Vollgenuß am Busen der Natur.

Wohn' auf bebautem Feld, wo, was man pflanzte, sprießt,
In Fülle, die sie schafft, die Arbeit sich genießt.

Wohn' in belebter Stadt, wo eins das andre regt,
Bild' und laß bilden dich, bewegend und bewegt.

Wohn' in der Wüste, wo Natur- und Menschenweben
Dich beides nicht berührt, um dir und Gott zu leben.

Wo du auch wohnen magst, da kannst du seyn und bleiben
Ein Mensch, und Menschliches so oder anders treiben.


15

Was deinem innern Trieb ist angemessen, treibe,
Nur daß fein auch der Trieb ein angemeßner bleibe!

Und was du liebend treibst, laß dir das Höchste gelten,
Ohn' anderstreibende misliebig drum zu schelten.

Sei doch in jeder Art ein Höchstes offenbart;
Du offenbare dein Höchstes in deiner Art!


16

An**

Auf! hinter'm Berge hast du lang genug gehalten,
Auf nun und brich hervor mit deinen Streitgewalten.

Die Feinde stehn geschaart: schlag oder laß dich schlagen,
Damit wir wissen, wer uns soll die Krone tragen.


17

Von Ruhm und Ehre wird das Herz durchaus nicht satt;
Ehr hat es Überdruß, ehr es Genüge hat.

Man sagt: Es klingt dein Ohr, wenn fern dein Ruhm ertönt;
Doch schwache Dumpfheit ists, wenn es von selber dröhnt.

Dir mög' es weder so noch so im Ohre gellen;
Zufriedne Stille wohn' in deines Herzens Zellen!


18

Mit Andacht hab' ich in den Regen aufgeblickt,
Der endlich, lang ersehnt, die durst'ge Welt erquickt.

Ich habe wol für mich zu trinken stets gehabt,
Doch hat nichts, weil die Welt gedurstet, mich gelabt.

Nun schweigend alle, die zuvor gedurstet, tranken,
Mußt' ich in meinem und in ihrem Namen danken.


19

Von Lob und Tadel hängt mitnichten ab dein Adel,
Doch ehr als halbes Lob wünsch' ich dir ganzen Tadel.

Der Tadel spornet dich, den du gerecht erachtest,
Und ungerechter kränkt dich nicht, den du verachtest.

Doch kahles Lob, wie zur Abspeisung nur bestimmt,
Ein Brocken ists, womit vorlieb ein Bettler nimmt.


20

Mit einem Neidischen ist Freundesumgang peinlich,
Denn seine Freuden sind mit deinen unvereinlich.

Du schämst dich einer Lust, weil sie den Freund verstimmt
Und eines Glücks aus Furcht, daß er es übel nimmt.


21

Wozu begehrst du Gut, mehr als du hast, und Ehre?
Wie? daß es dir dein Glück, dein innres Wohlseyn mehre?

Gut, Ehre, such' ich nicht, damit ich schwelg' in ihnen,
Als Mittel such' ich sie, die meinem Zwecke dienen,

Zu schärfen glänzender des Selbstgefühles Waffen,
Um Schönes, meine Lust, nachdrücklicher zu schaffen.


22

Nicht auf die Schwalbe, die des Frühlings Botschaft bringt,
Und mir von ewiger Erneuung Lieder singt,

Freu' ich so sehr mich als auf einen Freundesgruß,
Der das mir bringt, was ich zum Leben haben muß:

Daß Zeitenwechsel geht, fest die Gesinnung steht,
Ist was mein Herz mit mehr als Frühlingshauch durchweht.


23

Was innig dich ergreift, das laß fein langsam reifen;
Was außen dich nur streift, mußt du sogleich ergreifen.

Wo du's nicht gleich ergreifst, für immer ists verloren;
Doch was du in dir reifst, wird schon einmal geboren.


24

Warum gehst in der Welt du aus dir selbst hinaus?
Um still in dich zurück zu kehren aus dem Braus.

Und warum aus dem Braus gehst du in dich zurück?
Zu sinnen für die Welt im Stillen Lust und Glück.

Beglückt, wenn dir die Welt gibt, was du brauchen kannst,
Und brauchen will die Welt, was du für sie ersannst.


25

Mehr als ein Paradies ein nie verlorenes
Ist ein aus dem Verlust zurückbeschworenes.

Das mußt du glauben schon, weil jens verloren ist,
Und dieses, wenn du willst, in dir geboren ist.

Sonst rieth' ich nicht, wenn es nicht schon verloren wäre,
Es zu verlieren nur damit sichs neu gebäre.


26

Wie der Genesene ganz der Gesundheit Glück
Empfindet, wenn er an die Krankheit denkt zurück;

Des ungehemmten Stroms der Lebensfülle froh,
Wenn er der Hemmung nun, er hofft auf stets, entfloh:

So auch, wer voriger Verirrungen gedenkt,
Aus denen Gott ihn hat zur rechten Bahn gelenkt;

Er mag die rechte Bahn mit rechter Freude wallen,
Kraft fühlend und Entschluß, nie mehr zurück zu fallen.

Doch wie ein Nachgefühl der Krankheit den Gesunden
Oft leise mahnt, und, kaum sich meldend, ist geschwunden;

So den, der voriger Verirrung auch gedenkt,
Nur daß dis Nachgefühl von Krankheit stärker kränkt.

Denn einen Unterschied in dem, was wir erduldet,
Macht immer, ob es war ver- oder unverschuldet.


27

Wenn du den Muth verlierst, verlierest du die Kraft
Zu wirken, und dein Werk verkümmert krüppelhaft.

Wenn der gesunkne Muth auf einmal wieder steigt,
Zu wilden Ranken ist alsbald der Trieb geneigt.

Drum bitte täglich Gott, daß er dich, streng wie gütig,
Nie muthlos lasse seyn, noch werden übermüthig.


28

Zu werden das was du nicht bist, das was du werden
Sollst, was du werden kannst, ist eng der Raum auf Erden.

Es ist Unendliches, darum aus dieser Zeit
Dehnt es hinüber sich in die Unendlichkeit.

Getrost! was du hier thust, das nimmst du mit von hinnen;
Und was vollendet dort will seyn, muß hier beginnen.


29

Du mußt das Gute thun, du mußt das Wahre sprechen.
Warum? damit mußt du dir nicht den Kopf zerbrechen.

Es ist kein andrer Rath; wenn du nicht willst, du mußt;
O Heil dir, wenn du es aus innrer Freude thust.


30

Ich habe lang genug gelernt, um ausgelernt
Zu haben, doch vom Ziel bin ich noch weit entfernt.

Ich lebe nur um noch zu lernen, und begraben
Wird man zuletzt mich doch, ohn' ausgelernt zu haben.


31

Ich hatte von der Zeit mich nebenaus gerettet,
Vor ihren Stürmen in ein Ruhthal mich gebettet.

Da richtet' ich mich ein, bequem für mich zu hausen,
Und ließ die tolle Zeit indessen weiter brausen.

Ich dacht' ich sei zurück, und weit sei mir die Zeit
Voraus, da sah ich daß sie selbst zurück sei weit.

Was ist das hinter ihr, vor dem sie nimmt die Flucht;
Und was das außer ihr, nach dem sie ewig sucht?


32

Du sondre stolz und kalt dich nicht von der Gemeine
Der Betenden, weil du so gut es kannst alleine.

Zwar Gott ist überall, und nie wird in der Schaar
Ihn finden, wem er nicht bereits im Herzen war.

Doch wo der Scheiter viel in einer Flamme brennen,
Wird das Gefühl es an vermehrter Glut erkennen.


33

Wenn du dich anders willst als all die andern kleiden,
So sagt man, daß du dich auszeichnest unbescheiden.

Und sagst du, daß du's nur thust aus Bequemlichkeit,
So wisse, daß man die noch minder dir verzeiht.


34

Viel Angedenken stellst du um dich her zusammen
Zu Ehren Theuerer, von denen sie dir stammen.

Die theuern Namen nennt dir nun ihr stummer Mund,
Und machet dir das Herz nicht fröhlich, sondern wund.

Beim Angedenken denkst du, daß vom Lebensmale
Dir nichts geblieben ist, als die geleerte Schale.


35

Ich kann aus meinem Haus nicht auf- noch abwerts schreiten,
Daß nicht mich Kinder zwei verlorene begleiten.

Denn aufwerts liegt vom Haus ein Graben, den mein Fuß
Beschreitet niemals, daß ich nicht gedenken muß,

Wie ich das letztemal sie dieses Weges führte,
Als heimlich Todesglut in ihnen schon sich schürte.

Den kleinen Schrittchen war der Graben da zu breit,
Doch sie vertrauten auf mein väterlich Geleit.

Darüber hob ich sie, und dachte sie zu haben
Gebracht, wie über den, schon über jeden Graben.

Nicht bei dem Graben fiel mir damals ein das Grab;
Jetzt fällt mirs immer ein, seitdem ich ihm sie gab.

Doch abwerts von dem Haus wenn ich mich wenden wollte,
Da ist das Pflaster wo der Leichenwagen rollte.

Sein Rollen hör' ich noch, und glaube noch die Spur
Zu sehn, wie auch indeß manch andres drüber fuhr.

Was auch darüber fuhr, nie hat's die Spur verwischt,
Und stets auf dieser Spur geh' ich, die nie erlischt.


36

Ein weiter Thorweg ist, ein Pförtchen eng zur Seiten,
Zum Gehn und Schreiten das, zum Fahren der und Reiten.

Im Fahrweg ist Gedräng, heut Staub und morgen Koth;
Durchs enge Pförtchen kommt man immer gut zur Noth.

Ein Bücken darf dich nur und Drücken nicht verdrießen;
Allein zu Buck und Druck konnt' ich mich nie entschließen.

Und wie ich täglich dort geh' aus und ein das Thor,
Zieh' ich das weite stets dem engen thöricht vor.

Mir ist, ein Unglück müßt' am Tage mich befallen,
Wo ich mich bückte durch das enge Joch zu wallen.

Und jeder Fahr schein' ich mir für den Tag entgangen,
Wo meine Schritte durch den koth'gen Fahrweg drangen.

Du sprichst: ein Aberglaub' ist dis und Wahn ein toller.
Ja freilich, aber mir ein nicht unsegenvoller.

Denn nie gedankenlos geh' ich nun aus und ein,
Stets unterm Thore fällt mir meine Thorheit ein.

Der Mann ist weise, der an seine Thorheit denkt,
Und weiß, mit welcher Macht sie unsre Schritte lenkt.

Wo dir's unmöglich ist der Thorheit widerstreben,
Magst du ihr wenigstens der Weisheit Anstrich geben.


37

Wieviel Abwechslung ist im kleinsten Raum zu haben!
Dich kann ein täglicher Spaziergang immer laben.

Sei auch die Stunde gleich, und gleich des Weges Richte,
Doch jede Jahreszeit erscheint in anderm Lichte.

Und willst du ab vom Weg nur wenig Schritte gehn,
Wirst du Bekanntes neu von neuer Seite sehn.


38

Du brauchst, was andre thun, nicht immer zu verstehn,
Um tüchtig dem, was dir zu thun ist, vorzustehn.

Doch zwiefach dir gereichts zu Förderung und Lust,
Wenn du auch ihrs verstehst, indem du deines thust.


39

Wieviel gibt dir ein Freund! genug, um ihm zu danken,
Statt insgeheim um das, was er nicht gibt, zu zanken.

Und gibt er grade nicht, was du gebrauchtest eben,
Gebrauche nur, sogut du kannst, was er kann geben.


40

Laß dich nicht gutes Geld noch gutes Wort verdrießen,
Wenn es um Fried' und Ruh den Handel gilt zu schließen.

Nicht ist das beste Geld, das beste Wort zu gut,
Viel besser noch ist Fried', und Ruh, die noth dir thut.

Du gabest Geld und Wort sonst unnütz manches aus;
Verwende sie nunmehr zum Nutzen in dein Haus.

Gib was du hast, gib was du geben kannst mit Ehren,
Aus Großmuth, so daß sie dir's nicht zur Feigheit kehren


41

Entbehren magst du ehr den Segen vom Geschicke,
Als so gesegnet seyn, daß es dich nicht erquicke.

Ehr, sonn- und regenlos, o Pflanze dich gehärmt,
Als Regen, der nicht näßt, und Sonnschein der nicht wärmt.


42

Du klagst, du könnest dich nicht mit der Welt vertragen,
Nicht der Geselligkeit Beschränkungen ertragen.

Zur Wildnis fliehest du, dem Menschen zu entfliehn;
Du trägst ihn mit an dir, und kannst ihn aus nicht ziehn.

Wenn aber du dich selbst ertragen mußt und leiden;
Von deinem Ebenbild warum willst du dich scheiden?

Du fühlst mit der Natur dich mehr in Eintracht nur,
Weil du nicht ihrem Gang vorzeichnest deine Spur;

Den Menschen aber willst du deine Wege zeigen,
Bedenklos daß, wie du, auch jeder ist sein eigen.

Trägst du ohn' Ungeduld Frost, Regen, Sturm und Wind?
Nur Menschenunbestand ist dir zu ungelind?

Der Mann, der vor dem Zwang des Lebens nimmt die Flucht,
Ist wie der Knabe, der entläuft der Eltern Zucht,

Der sich bequemen will ehr allem Unbequemen,
Um Rache, wie er meint, nur an der Zucht zu nehmen.

Der rechte Mann erkennt und ehrt des Lebens Schranken,
Und der Erkenntnis wird er seine Freiheit danken.

Sein Innres ist sein Thun, das strebt er zu vermehren;
Von außen leidet er, das strebt er abzuwehren.

Und selbst sein Leiden weiß in Thun er zu verwandeln,
Wenn menschlich handelnd er lehrt Menschen menschlich handeln.

Denn uneins unter sich macht Menschen Leidenschaft,
Und nur in der Vernunft ist ihrer Einheit Kraft.

Des Menschen Aufgab' ist Erziehung und Entwildung
Des menschlichen Geschlechts und eigne Menschheitsbildung.


43

Wenn eine Uhr du hast, mußt du doch jedes Nu
Darnach nicht sehn, viel Zeit damit versäumtest du.

Thu dein Geschäfte nur mit Lust und aus dem Grunde,
Und frage nicht, ob es grad aufgeht mit der Stunde.

Laß andre von der Zeit gar raschem Laufe sprechen,
Ihr rennen nach und vor, um sich den Hals zu brechen.

Und bliebst du auch zurück, merkst du's nach einer Frist,
Und holst die Zeit schon ein, wenn an der Zeit es ist.

Genug, wenn du nur mit fortkommst in Bausch und Bogen,
Wenn du im Strome schwimmst, und zählest nicht die Wogen.

Den Zeitungsschreibern und Zeitschreibern laß die Lust,
Genau zu merken, was nun an der Zeit ist just.

Dir aber wo die Uhr die Zeit nicht sagt, da sage
Sie dir der Sterne Stand Nachts und der Sonn' am Tage.


44

Wenn dich Gethanes freut, so magst du fröhlich ruhn
Und freut dichs nicht, so mußt du etwas Neues thun.

Nie möge gar zu sehr dich ein Gethanes freuen,
Weil rechte Freude doch nur ist im Thun vom Neuen.


45

Sind denn der Körner durch die weggefegte Spreue
Geworden mehr, daß dich ihr Anblick mehr erfreue?

Nein, Körnlein selber sind wol mit der Spreu entlaufen;
Was aber blieb ist nun ein reiner Körnerhaufen.


46

1.
Zwar ist Vollkommenheit ein Ziel das stets entweicht,
Doch soll es auch erstrebt nur werden, nicht erreicht.

2.
Wol ein mit Sicherheit vorwerts gethaner Schritt
Ist ihrer zweie werth, wobei man rückwerts glitt.

3.
Erst denkst du nicht daran, wie weit es sei zum Ziel;
Schon ist es halb gethan, nun ist der Rest ein Spiel;

4.
Wer sucht, der findet. Ja! nur der nicht, wer erblindet
An Orten sucht, wo sich nicht das Gesuchte findet.

5.
Wo du den Weg nicht weißt, folg' einem Führer du;
Doch, ob der Führer auch den Weg weiß, siehe zu!

6.
Sandalen drücken neu, bequem sind sie zerschlissen;
Sobald dir etwas ganz gerecht ist, wirst du's missen.

7.
Das Wort hat Zauberkraft, es bringt hervor die Sache;
Drum hüte dich, und nie ein Böses namhaft mache.

8.
Gib Worte deinem Schmerz, so ist er dir benommen;
Gib Worte deiner Lust, so ist sie dir entkommen.

9.
Wer alzueiferig bekräftigt sein Versprechen,
Beweiset dir damit den Willen es zu brechen.

10.
Wer einmal lügt, muß oft zu lügen sich gewöhnen;
Denn sieben Lügen braucht's um eine zu beschönen.

11.
Im Stachel hat sein Gift der Skorpion, im Zahn
Die Schlange, doch ein Mensch ist giftig um und an.

12.
Leicht mag, wer sieht die Frucht, des Baumes Namen sagen;
Ein Gärtner sieht am Baum, was er für Frucht wird tragen.

13.
Was einem Menschen du nicht frei ins Angesicht
Darfst sagen, sag ihm das auch hinter'm Rücken nicht.

14.
Ein Ärgernis ist nur, wo man es nimmt, gegeben;
Dir vorgeworfnes brauchst du ja nicht aufzuheben.

15.
O König, willst du mich in dieser nicht beschützen,
In jener Welt wird mir und dir dein Schutz nicht nützen.

16.
Das Hündlein wedelt, dir sein Futter abzuschmeicheln;
Den edlen Hengst, damit er's annimmt, mußt du streicheln.

17.
Wo Bettelstolz sich schämt zu fordern, schämt zu nehmen;
Muß nicht Freigebigkeit sich auch zu geben schämen?

18.
Wer schläft, den hungert nicht, geborgen ist der Mann;
Weh aber dem, der nicht vor Hunger schlafen kann.

19.
Schlimm sind die Schlüssel, die nur schließen auf, nicht zu;
Mit solchem Schlüsselbund im Haus verarmest du.

20.
Das Weib kann aus dem Haus mehr in der Schürze tragen,
Als je einfahren kann der Mann im Erntewagen.

21.
Am Weibe wird geschmäht, was an dem Mann geachtet;
Die gleich dem Hahne kräht, die Henne wird geschlachtet.

22.
Hast du ein großes Gut, begehre nicht noch Kleines;
Wenn dir die Sonne scheint, bedarfst du Kerzenscheines?

23.
Woran du es gewöhnst, das fordert bald dein Herz;
Gewöhne nicht dein Kind an Böses auch im Scherz.

24.
Unschuldig irrt nur, wer den rechten Weg nicht kennt,
Nicht wer den Richtweg sieht und doch ins Dickicht rennt.

25.
Am schwersten immer wird sich in der Irre fassen,
Wer selbst den rechten Weg muthwillig hat verlassen.

26.
Ein unbefangner Sinn benutzt die fremde Spur,
Den selbstbefangenen verwirrt die eigne nur.

27.
Lern von der Erde, die du bauest, die Geduld:
Der Pflug zerreißt ihr Herz, und sie vergilts mit Huld.

28.
Die Rach' ist eine Lust, die währt wol einen Tag,
Die Großmuth ein Gefühl, das ewig freun dich mag.

29.
Bescheidenheit, ein Schmuck des Manns, steht jedem fein,
Doch doppelt jenem, der Grund hätte stolz zu seyn.


47

Daß etwas gründlich du verstehst, ist nicht genug;
Geläufig muß dirs seyn, dann übest du's mit Fug.

Und ist es dir nur recht geläufig, brauchst du's gar
Nicht zu verstehn; das nimmst du leicht beim Rechnen wahr.

Der edlen Rechenkunst Vollkommenheit gedeiht
Am allerbesten bei Gedankenlosigkeit.


48

Den einen ehr' ich, der nach Idealem ringt;
Den andern acht' ich auch, dem Wirkliches gelingt.

Den aber lieb' ich, der nicht dis noch jenes wählt,
Der höchstes Ideal der Wirklichstheit vermählt.


49

Vielseitigkeit gefällt an zierlichen Kristallen,
Das Licht gebrochen spielt darin mit Wohlgefallen.

Doch auch Einseitigkeit in rechter Art ist gut;
Die Lust des Himmels ist des Se'es Spiegelflut.


50

Wo jeder misversteht den andern unwillkürlich,
Und misverstanden selbst zu seyn klagt ungebürlich;

Was bleibt da Lernenden zu lernen? Misverstand;
Da lerne lieber nichts! Das ist gewiß Verstand.


51

Viel besser, daß ein Volk nur einen Irrthum habe,
Als eine Wahrheit für sich selber jeder Knabe.

Viel besser, daß den Dienst ein großer Götz besitze,
Als jeder für sein Haus sich einen kleinen schnitze.

Der Unsinn machte mir nicht die Erbitterung,
Als der Gesinnungszwist, die Sinnzersplitterung.


52

Zu lehren glaubt' ich oft, was ich an mir erfuhr,
Und sah dann: ich umschrieb ein altes Sprichwort nur.

Das eben ist die Art des Sprichworts: wir gewahren
Erst seinen Sinn, wenn wir ihn an uns selbst erfahren.


53

Du hast, o schwacher Mensch, alswie an jedem Tage,
Ein anderes Gemüth in jeder andern Lage.

Das hab' ich an mir selbst auf mancher Reis' erfahren,
Daß anders mir zu Muth im Gehn war als im Fahren.

Im Fahren war ich stolz, geneigt herabzusehn,
Verachtend alle die ich sah zu Fuße gehn.

Im Gehen war ich stolz, verachtend, doch nach oben,
Die über mich zu Roß und Wagen sich erhoben.

Und wenn es besser gieng, so trat als Weggeselle
Dort Großmuth, Demuth hier, an Hoch- und Unmuths Stelle.

Das höchste doch, wozu wir dort und hier es brachten,
War Selbzufriedenheit ohn' andre zu verachten.


54

Ich habe nun genug die Fluren mir beschaut,
Und mich an Blumenschrift nach meinem Sinn erbaut.

Ich suche schönere nicht mehr im Erdenreich,
Denn alle Fluren sehn in Einem doch sich gleich.

O buntes Einerlei, statt deiner möcht' ich Auen
Einmal ganz andre mit ganz andern Augen schauen.


55

Der Vogel, der wie sonst sein Abendlied mir bringt,
O wie so eigen heut es mir zu Herzen klingt.

Was ist es? er hat heut nicht einen von den Tagen,
Den letzten Sommertag hat er zu Grab zu tragen.

Die gute Nacht ist, die mir bietet sein Gesang,
Auf keine kurze Nacht, auf einen Winter lang.


56

Ihr Hügel, unter die ich legte meine Lieben,
Nicht ganz verlor ich sie, denn ihr seid mir geblieben.

Was ist des Todes Macht? da Blumen sanfter Pracht
Mir nun an Orten blühn, wo ich es nie gedacht.

Was ist das ich verlor? wenn solch ein Liebesflor
Nun eine Stelle schmückt, mir öd' und leer zuvor.


57

Nicht wachsen siehest du, wie aufmerksam du bist,
Das Gras, doch merkst du bald, daß es gewachsen ist.

So tröste dich, wo gleich nicht das Gedeihn erschien
Von jedem Werk, zuletzt auf einmal ists gediehn.


58

Ich mach', alt wie ich bin, zu lernen manchen Plan,
Spät nachzuholen was ich zeitig nicht gethan.

Ich hoffe Schritt vor Schritt noch abzuthun, was jung
Ich hätte leichter abgethan mit einem Sprung.

Und käme nun der Tod auch zwischen meinen Plan,
So wäre mit dem Sprung grad' alles abgethan.


59

Du siehst, daß leicht wie Nichts dem einen von der Hand
Geht etwas, das gar schwer dir geht in den Verstand.

Dagegen weißt du flink mit etwas umzuspringen,
Wovon dem andern fast will kein Begriff gelingen.

Entweder wenn du nun das Deine schätzest hoch,
So schätze nicht gering auch das des andern doch.

Und wenn du dieses willst anschlagen so gering,
So halte deines auch für kein so großes Ding.


60

Wenn es dir nicht bequem, behaglich ist und gut,
In unbemerktem Fall rinnt deines Daseyns Flut;

So scheuest du dich wol das Kleinste zu verrücken
An des Gewohnten auch bedeutunglosen Stücken,

Aus Furcht, zu rühren an verborgnen Talisman,
Durch deß Zertrümmerung dein Glück zertrümmern kann.


61

Nie such' ich in der Nacht den Schlummer auf den Pfühlen,
Ohn' erst mein liebstes Kind mit Händen anzufühlen.

Und wenn ich ihm befühlt die Hand und das Gesicht
Im Dunkeln, ists genug, zu sehen brauch' ichs nicht.

Zwar weiß ich wohl, nicht wird ihm die Berührung nützen,
Wenn bessre Mächte nicht die Nacht-durch es beschützen.

Doch bildet' ich mir ein, hätt' ich es je versäumt,
Ich hätte böser Macht den Spielraum eingeräumt.

Und hätt' es deshalb auch nicht minder wohl geruht,
Geschlafen hätt' ich selbst darum doch minder gut.


62

Was sagst du mir? du willst mir sagen wol von dort,
Wohin du mir voran gegangen bist, ein Wort?

Du stehst, o Schwestergeist, mit sprechenden Geberden
Vor meinen Augen, wie du wandeltest auf Erden.

Die Mienen mir bekannt, die Töne mir vertraut,
Nur leiser für den Sinn, dem Ohre minder laut;

Doch deutlich mir, daß du, mit deinem Looß zufrieden,
Nicht von der Theilnahm' auch an meinem bist geschieden.

Theilnehmen lässest du an deinem Glück mich auch,
Hinschwebend, wie du hergeschwebt, ein Friedenshauch.


63

Wenn du zum Ziele mich den rechten Weg willst leiten,
Zu langsam sollst du nicht, noch auch zu schnell mir schreiten.

Der Unterhaltung sei nicht unterwegs zuviel,
Damit wir nicht den Weg vergessen und das Ziel.

Kurz mache mir den Weg, und leicht und unbeschwerlich,
Nicht schwerer, um dich selbst zu machen unentbehrlich.

Denn Führer sollst du mir nicht immer wieder seyn,
Ablernen will ich dir den Weg zu gehn allein.


64

Zur Freundschaft ists genug, des Freundes Freund zu seyn;
Den Freund des Freundes schließt der Bund darum nicht ein.

Daß du an dieser mich, ihn hältst an jener Hand,
Knüpft zwischen mir und ihm unmittelbar kein Band.

Doch deines Feindes Freund zu heißen, muß ich lassen,
Weil man nicht lieben kann, was man den Freund sieht hassen.


65

Die Blätter, die so fest jüngst saßen an den Stielen,
Ich dachte daß sie nicht vor einem Monat fielen.

Frisch, hofft' ich, sollten sie tief in den Winter dauern;
Auf einmal rieseln sie herab in bangen Schauern.

Kein Sturm hat sie geknickt, kein Frost hat sie verletzt;
Was hat sich in der Luft, im Baumsaft was zersetzt?

Wodurch verkommen sind sie so auf einmal nur?
Sie starben, Greisen gleich, am Nachlaß der Natur.


66

So wenig achtest du der Welt und ihres Guts,
Daß, was du nicht bedarfst, du hingibst frohes Muths.

Du mußt nur deinen Sinn den Weltlichen verhehlen,
Sonst werden sie auch das, was du bedarfst, dir stehlen.


67

Wer immer kommt zur Welt, verbraucht von ihr ein Stück,
Und doch wird sie davon nie minder, welch ein Glück.

Warum wird sie davon nie minder? weil, wer auch
Sie mag verbrauchen, ihr dient wieder zum Verbrauch.


68

Ein Geiziger, der mit Begier sein Gold beschaut,
Und am verborgnen Schatz mit Andacht sich erbaut;

Der außerm Anblick nichts von seinem Gut genießt,
Und nur den Kasten auf und zu den Kasten schließt;

Ist doch vernünftiger als manch vernünft'ger Mann,
Der einen edlern Schatz als goldenen gewann,

Der ein lebendig Gut besitzt von Fleisch und Blut,
Mit dessen Anblick er sich nichts zu Gute thut.

Was, Vater, hilft es dir, daß Gott dir Kinder gab,
Wenn ihnen du den Blick gleichgültig wendest ab?

Wenn du aus reiner Lust nach ihnen schauest selten,
Und fast nur, wann du willst befehlen oder schelten!


69

Mir kam ein Freund, den ich nicht sah in langen Jahren,
Der hatte nichts von mir, ich nichts von ihm erfahren.

Nun gieng er ohne daß er viel von mir erfuhr,
Weil er von sich allein mich ließ erfahren nur.

Es war ihm offenbar viel minder um mein Leben
Zu thun, als Kunde mir vom seinigen zu geben.

So hat er denn von mir in Wahrheit nichts bekommen;
Ich habe, was von ihm zu brauchen war, genommen.


70

Gar manches, was gewis du nennst, ist ungewis;
Die Sprache selber, die du redest, sagt mir dis.

Wenn ich will wissen: wer? und du's nicht sagen willst;
Was ist das Wort, womit du meine Neugier stillst?

Dis: Ein gewisser ist's. Weiß ich es nun gewisser?
Nein! Dein Gewisser ist für mich ein Ungewisser.

Du gibst dir nur den Schein, indem du Ungewisses
Mir kund thust, daß du kund auch könntest thun Gewisses.


71

Aus Eigennutz entspringt die Dankbarkeit der Meisten,
Für einen Dienst, den wir geleistet oder leisten.

Doch ist die Dankbarkeit auch so der schönste Lohn,
Den selbst man soll mit Dank annehmen, nicht mit Hohn.

Sei dankbar, daß den Dank der Eigennutz dir bringt,
Daß aus so schlechtem Grund so edler Trieb entspringt.


72

Soll unsre Jugend nicht durchaus den Teufel missen,
So laßt sie wenigstens von ihm was Rechtes wissen.

Sie lernt, der Teufel geh' umher als wie ein Leu,
Der brüll' und suche wen er einschling' ohne Scheu.

Der Teufel aber geht nicht mehr auf Mord und Rauben
So löwenhaft einher mit Brüllen und mit Schnauben.

Er schleicht noch um vielleicht mit Arglist wie ein Fuchs,
Und lauert ungesehn mit Scharfsicht wie ein Luchs.

Wie aber soll vor ihm das junge Volk sich hüten,
Das ihn erkennen soll am Brüllen und am Wüten?


73

Ich nahm ein frostig Buch und legt' es auf die Flammen:
Auch dir im Tode soll noch Lebensglut entstammen.

Die Blätter krümmten sich, vom Finger angerührt
So heißer Hand, wie sie nicht leicht ein Leser führt.

Umschlug die Flamme voll Begierde Blatt für Blatt,
Und las an meiner Statt daran sich satt und matt.

Dann meditirend ist sie drüber eingesunken,
Und so verloschen schnell bis auf den letzten Funken.

Das Buch hat ihr gedient zu kurzer Unterhaltung,
Und seiner Art gemäß geendet mit Erkaltung.


74

Zu lesen lieb' ich nicht, was aneinander hängt
So daß ein jeder Schritt zum andern vorwerts drängt;

Wo, wenn ich aus der Bahn hab' einen Schritt gethan,
Ich sie verlor, und muß von vorne fangen an.

Zu lesen lieb' ich das, wo ich auf jedem Schritte
Zugleich am Anfang bin, am End' und in der Mitte;

Wo stillzustehen, fortzufahren, abzubrechen
In meiner Willkür steht, und mit darein zu sprechen.

Den Dichter lieb' ich, der für mich versteht zu pflanzen
Ein Ganzes, das besteht aus tausend kleinen Ganzen.


75

Wanns an zu dämmern fängt, so ist der Tag nicht ferne;
Des tröst' ich mich, wann ich was schwerbegriffnes lerne.

Nur eines ist, woran mein Unmuth oft erlag:
Daß nach der Dämmerung kommt ein so grauer Tag.


76

Gar viel belohnt die Müh nicht, es gelernt zu haben,
Wenn wir zur eignen Lust uns nicht die Mühe gaben.

Oft lohnet nicht das Ziel des Wegs Zurückelegung,
Doch der Spaziergang dient zu unserer Bewegung.


77

Wer noch nichts rechtes ist, kann noch was rechtes werden;
Doch ein verkehrter wird sich niemals recht geberden.

Du bildest Falsches dir auf falsche Bildung ein;
Nie, o Verbildeter, wirst du gebildet sein.


78

Stets sah ich einen Mann, nicht wußt' ich wie er hieß;
Was ich erfragen wollt', und immer unterließ.

Auch einen Namen hört' ich nennen oft genug,
Und konnte nie den Mann erblicken, der ihn trug.

Neugierig war ich doch, wie ausseh der Genannte,
Neugierig, wie genannt sei der vom Sehn Bekannte.

Nun find' ich, jener Nam' ist eben dieser Mann,
Und alle beide gehn mich weiter nichts mehr an.


79

Du gibst dir viele Müh, Unarten abzuthun,
Doch schon zu deiner Art geworden sind sie nun.

Die Art nun, solcher Art Unarten abzulegen,
Erscheint als Unart selbst, drum laß sie unterwegen.

Geartet bist du so, daß du unartig scheinst,
Grad wenn der Unart du dich zu enthalten meinst.

Geartet bist du so, daß artig du erscheinest
Nur durch Unarten, die so artig du vereinest.


80

Nicht jeden bösen Geist treibt guter Ruch vondannen,
Wol manchen lockt herbei der Dampf geweihter Pfannen.

Oft weicht ihr Übelduft nur übelduft'gen Pflanzen,
Alswie vor Rauchtabak nicht halten Stand die Wanzen.


81

Du scheuchtest den hinweg, der dir war unbequem;
Und nun er wegbleibt, ist dirs doch unangenehm.

Mit Vielem geht es so, das einen drückt und quält;
Man fühlt erst, daß mans braucht zum Leben, wann es fehlt.


82

Dem, was ich fürchte, wag' ich Namen nicht zu geben,
Aus Furcht, daß erst dadurch es treten möcht' ins Leben.

Ich wage, was ich hoff', auch nicht bestimmt zu nennen,
Aus Furcht, es möcht' ein Hauch das luft'ge Bildnis trennen.

Es sei, so was ich hoff', als was ich fürchte, still
Dahin gestellt, wie Gott es senden, wenden will.


83

Rings um mich her im Haus ein stillgeschäftig Regen
Ist meinen sinnenden Gedanken nicht entgegen.

Behaglich fühlt sich drin der kleine Schöpfer Geist,
Dem großen gleich, um den der Schöpfung Einklang kreist.

Doch ein Geschrei zerreißt den leichten Schöpferwahn,
Und um die Harmonie der Sfären ists gethan.


84

Es hat Natur dem Mann dazu das Weib beschieden,
Damit der Geist gestellt sei durch den Leib zufrieden.

Der Geist, wenn er den Zoll der Sinnenwelt gegeben,
In seine Reiche soll er ungehindert schweben.

Wenn Er im Innern nun des Lebens Früchte zeitigt,
Hat Sie die Störungen von außen ihm beseitigt.

Und was er so vollbringt, das hat sie mitvollbracht,
Weil sie für ihn gelebt, weil er für sie gedacht.

Fragt ihr, in welcher Schul' ich, was ich lehre, lernte?
Mein Liebesfrühling trägt nun seine Weisheitsernte.


85

Um Eines ist das Thier vom Menschen zu beneiden,
Daß es nicht sorgen darf, wie es sich solle kleiden.

Im Winter wächst sein Pelz, im Sommer här't er sich,
Der Jahrzeit stets gemäß und jedem Himmelstrich.

Das Kleid veraltet nie und kommt nicht aus der Mode,
Mit der Geburt wird's angelegt und ab im Tode.

Kein Wechsel ist erlaubt mit Purpur, Gold und Seide;
Und der Verschwendung bleibt kein Anlaß noch dem Neide.

Vom Thiere gilts allein: das Kleid macht nicht den Mann;
Weil keins vorm andern sich durchs Kleid auszeichnen kann.


86

Stets klarer wird es mir, und endlich wird es klar,
Daß ich nichts andres ward, als was ich anfangs war.

Ein Pflanzenkeim, der erst sich in zwei Läppchen spaltet,
Dann Stengel wird und Blatt, und sich als Blum' entfaltet.

Die Blume, die mit Licht schaut in sich selbst hinein,
Erkennt die Pflanz' in sich, das wird ihr Saame seyn.


87

Wir leben nur zum Schein in Einer Welt zusammen,
In die zusammen gar verschiedne Welten schwammen.

So, äußerlich vereint, und innerlich getrennt,
Schwimmt jeder eigne Geist im eignen Element.


88

Ich weiß vier Wissende, ein fünfter geht mit drein;
Die viere wissen nichts, der fünfte weiß allein.

Der eine weiß zum Ruhm, der andre zum Genuß,
Der dritte zum Erwerb, der vierte zum Verdruß.

Der fünfte weiß nicht, was, woher, wozu ers weiß,
Stralt Wärm' aus wie die Sonn', und wird ihm selbst nicht heiß.


89

Sie haben mich gelobt, und mich dadurch beschämt;
Getadelt haben sie, und meinen Muth gelähmt.

Entweder haben sie mir Lob und Tadel schlecht
Gegeben, oder ich genommen es nicht recht.

Ein stärkendes Gefühl soll Lob und Tadel geben,
Daß etwas ist erreicht, und mehr noch anzustreben.


90

Ihr dürft unanerkannt mich lassen und vergessen;
Doch wenn ihr an mich denkt, so sei es angemessen.

Daß ihr mich ehren sollt, hab' ich ja nicht begehrt;
Wenn ihr mich ehren wollt, so sei es ehrenwerth.


91

Ich weiß nicht, was geschehn ist in der Welt derweile?
Gewiß viel Wichtiges in dem und jenem Theile.

Allein es hat mein Ohr, mein Auge nicht berührt,
Und keine Ahnung auch hab' ich davon gespürt.

Und gleichwol ist es da, nur ohne daß ichs weiß,
Und macht, auch unbemerkt, schon kalt mir oder heiß;

Weil nichts den großen Leib der Menschheit kann berühren,
Davon nicht Mitgefühl die Glieder müßten spüren.

Und könnt' ich klar nur in des Herzen Spiegel sehn,
So fänd' ich schon darin, was in der Welt geschehn.

Nun muß ich warten, bis zuletzt Gerücht und Zeitung
Zu mir gelangt mit des Geschehenen Verbreitung;

Daß mich mitfreue, mitbetrübe, was betraf
Von Wohl und Weh die Welt, derweil ich lag im Schlaf.


92

Dem Federschneider.

Dich nehm' ich heute nicht zum Tischgenossen an,
Wenn du nicht deiner Pflicht erst hast genuggethan.

Der wicht'gen großen Pflicht, die Federn mir zu schneiden,
Womit ich ewige Gedanken will bekleiden.

Denn das ist dein Beruf, die Pfeile mir zu schnitzen,
Und ich verschieße sie mit oder ohne Spitzen.

Was, fragt ein Leser, der nach Versen Hunger litt,
Schreibt Rückert nichts? weil Kopp ihm keine Federn schnitt


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