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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 90

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 90

Wenn du das dicke Buch durchblätterst der Geschichte,
Du findest wiederholt auf jedem Blatt Berichte

Von widerwärt'gem Kampf und greulichem Verrath,
Und selbst auf dunklem Grund steht jede lichte That.

Und auch des Dichters Kunst, die sich die freie nennt,
Doch knechtisch hinterdrein nur der Geschichte rennt.

Weiß auch nichts Besseres zu unserem Ergetzen,
Als nächtliches Geschick und blutiges Entsetzen.

Als sei von Gottes Welt nur dieses vorzuzeigen,
Was man ehr sollt' aus ihr vertilgen durch Verschweigen.

Als sei in der Natur nur Frost und Hagelschlag,
Und gift'ger Raupenfraß, kein blühnder Rosenhag;

Und in des Menschen Haus nur Krankenstubenjammer,
Kein Kindertummelplatz und keine Hochzeitkammer.

Die Weichlichkeit ist schlecht, der Leichtsinn ist nicht gut,
Doch noth ist heitrer Ernst und froher Lebensmuth.

Des Schattens kann im Bild entbehren nicht die Kunst,
Doch ist ihr Element das Licht, und nicht der Dunst.

Mag die Geschichte nicht des traur'gen Amts entbehren,
Daß durch Unmenschliches sie uns will Menschheit lehren;

O Fantasie wenn du die Blüte willst entfalten
Der Menschheit, sollst du ihr kein Jammerbild vorhalten.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 1. II. 6

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