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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 819

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 819

Ist unsrer Handlungen Beweggrund, wie sie sagen,
Glückseligkeit allein, wie sind wir zu beklagen!

Denn die Glückseligkeit, wo ist sie zu erfragen?
Wo ist sie zu erspähn? wo ist sie zu erjagen?

Diese Glückseligkeit, die jeder will erreichen,
Je näher er ihr kommt, scheint weiter zu entweichen.

Diese Glückseligkeit, die jeder wünscht und sucht,
Ist einem Schatten gleich beständig auf der Flucht.

Bald scheint der Schatten rechts, bald links an uns zu streifen,
Nun vor, nun hinter uns, und nirgend zu ergreifen.

Diese Glückseligkeit, ein Trugbild manigfalt,
Lockt jeden anderen in anderer Gestalt.

Der sieht sie an für dis, und der fürs Gegentheil;
Der nennt Verderben das, was jener nennt sein Heil.

Darum kann nimmermehr dis Wechsellaunenspiel,
Diese Glückseligkeit, seyn unser Zweck und Ziel.

Wir wissen dieses nur, daß hier uns etwas fehlt;
Wo es uns werden soll, und wie, ist uns verhelt.

Wo ist es? hier im Raum ist es nicht aufzuspüren;
Und über'n Raum hinaus, wie soll ein Weg uns führen?

Wir können aus der Welt und uns hinaus nicht treten;
Wann, Himmelsgast, tritst du bei uns ein, längsterbeten.

Längst harr' ich deiner hier in Abgeschiedenheit;
Das Glück ist nicht bei mir, doch die Zufriedenheit.

Glückseligkeit zerpflück', und jedem gib ein Stück,
Die Seligkeit gib mir, und dem, wer will, das Glück!

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 3. VIII. 46

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