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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 748

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 748

Warum der Vogel Strauß so garviel Eier legt?
Weil er für alle so garwenig Sorge trägt.

Er legt sie, ohn' ein Nest zu machen, in den Sand,
Der brütet sie für ihn im heißen Sonnenbrand.

Fast wollen ihm es gleich die Gans und Ente thun
Am Ufer, und im Feld die Wachtel und das Huhn;

Die ihr kunstloses Bett baun zwischen Schilf und Ähren,
Und ziehn mehr Junge, dan sie könnten selbst ernähren.

Daher die junge Brut, von Schalen halb getrennt,
Schon ihrem Futter nach selbständig schwimmt und rennt.

Dagegen auf dem Baum der Fink, die Schwalb' am Haus,
Bringen mit viel mehr Müh viel wen'ger Kinder aus.

Warum? sie baun ihr Nest in kunstgerechter Enge,
Das fasset Eier nicht, noch minder Jung', in Menge.

Der Finke hats aus Moos den Zweigen eingewebt,
Die Schwalbe hats der Wand mit Mörtel angeklebt.

Der Finke muß gar lang mit Würmchen, die er nascht,
Gar lang die Schwalbe mit den Mückchen, die sie hascht,

Die Kleinen füttern, die nicht schwimmen und nicht laufen,
Und können nichts wan schrein nach Fressen und nach Saufen.

Den Eltern kostet es der kleinen Bissen viel,
Bis ihren Jungen wächst der Flaum und dann der Kiel.

Nun erst der Liebe Bild, die gattentreue Taube,
Die weiße zahm im Haus, die blaue wild im Laube,

Zieht, wie gepaart sie ist, auch nur ein Kinderpaar,
Weil ihrer Zärtlichkeit mehr ganz unmöglich war.

Denn harte Saamen, die sie hat kein andres Töpfchen
Zu kochen, weicht sie ein in ihrem eignen Kröpfchen,

Und würgt das Futter, das sie nicht für sich verschlungen,
Hervor und machet satt, selbst hungrig, ihre Jungen.

Sie übertrifft an Lieb' allein der Pelikan;
Wenn keine Wirklichkeit, so ist es doch kein Wahn,

Vielmehr ein hohes Bild, das ewig wahr wird bleiben,
Im Herzen wohnend, wenn sie's aus der Welt vertreiben:

Daß er voll Zärtlichkeit sich aufreißt seine Brust
Und tränket seine Brut mit seinem Blut voll Luft.

Die ew'ge Mutter ists, die alle tränkt und speiset,
Die dir, o Mensch, ihr Bild im Wunderspiegel weiset.

Groß ist der Unterschied vom Strauß zum Pelikan;
Die andern bleiben wo sie stehn, du ringst hinan.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 3. VII. 89

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