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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 733

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 733

Die Mistel, wenn sie kocht für dich den Vogelleim,
Mein Sohn, sorgt nur damit für ihren Samenkeim.

Sie kann im Boden nicht gleich andern Pflanzen wurzeln,
Nur Nahrung saugen aus Baumästen oder Sturzeln.

Und nimmer würde sie Nachkommenschaft erzielen,
Wenn ihre Samen hoch vom Baum zur Erde fielen.

Dis zu verhindern ist die Klebrigkeit bestimmt
Dem Körnchen, das in halbdurchsichtiger Beere schwimmt.

Das Körnchen kommt im Fall hier oder dort zu kleben
An einen Zweig, und wird nicht lang unschlüssig schweben.

Da wo es anklebt, wird's geschwind ein Würzlein schlagen,
Dann treiben einen Sproß, und wieder Beeren tragen.

Viel anders aber treibt es untenher und oben
Als andre Pflanzen, die sich frei vom Boden hoben.

Denn senkrecht senken sie die Wurzel all nach unten,
Und gradauf oben steigt ihr grünes Blatt zum bunten.

Die Mistel aber muß sich fremdem Stamm bequemen,
Wie er gewachsen ist, danach ihr Wachsthum nehmen.

Ob oben, unten, ob sie hüben sitzt ob drüben
Am Stamm, danach muß sie verschiedne Künste üben.

Bald abwerts, bald hinauf, bald mehr und minder schief
Weiß sie die Wurzel einzuschieben stark und tief,

In jeder Richtung dann den Stengel zu entfalten,
Und auch kopfuntersich die Schwebe wol zu halten.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 3. VII. 74

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