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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 717

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 717

Du siehst ein Andres als du hörest, und du schmeckest
Und riechst ein Andres als du durchs Gefühl entdeckest,

Am Ding, von welchem du verschiedne Kund' einziehst,
Wie du es fühlest, riechst, schmeckst, hörest oder siehst.

Auch ist kein Zweifel, daß, sobald ein Sinn dir fehlt,
Gleich eine Seite sich vom Dinge dir verhehlt;

Die wichtigste villeicht, wenn grade dir entweicht
Der Sinn, durch den das Ding vorzüglich dich erreicht;

Wie ja ein Blinder mit all seinen andern Sinnen
Den Farben eines Bilds kann wenig abgewinnen.

Drum, wenn dir zu Gebot mehr als fünf Sinne stünden,
So würdest du auch mehr als jetzt vom Ding ergründen;

Wie schon der edelste, den jetzt du hast, verstärkt
Durch Kunst, dein Auge, mehr als von Natur bemerkt.

Und gieng dir nicht villeicht ein sechster Sinn verloren,
Ein siebenter, villeicht auch wird er einst geboren?

Weil mit den fünfen doch, die dir inzwischen dienen,
Du unzufrieden bist und kommst nicht aus mit ihnen,

Weil mit den fünfen du so wenig kanst bezwingen
Das Ding, das du sosehr begehrest zu durchdringen.

Unnütze Träumerei! Gebrauche fein mit Fug
Die fünfe, die du hast, du hast daran genug.

Wo sollt' ein sechster Sinn herkommen oder hin?
Wär' es ein niedrerer, so wär' es kein Gewinn;

Dir könnt' ein höherer nur als dein höchster frommen,
Doch über'm Auge hat den Platz der Geist genommen.

Wenn du es recht bedenkst, laß ihm nur seinen Platz!
In ihm gefunden hast du den vermissten Schatz.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 3. VII. 58

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