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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4768

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4768

Die Amoretten der Venus

Von den Planeten ist kein andrer, Sohn, so trüglich
Als Venus, und vor ihr magst du dich hüten füglich.

Dem unbefangnen Sinn muß doppelt sie erscheinen,
Als Morgen-Abendstern, die nicht sind zu vereinen.

Doch Astronomen selbst und ihr erfahrnes Rohr
Täuscht sie, und spiegelt ihm ein eignes Trugbild vor.

Eg tritt aus ihr hervor ein Schein, den als Trabanten,
Als Amor, der umschwebt die Mutter, sie erkannten.

Viel haben ihn gesehn, und seinen Lauf zuletzt
Auch auf elf Tage (kurz ist Liebesrausch) gesetzt.

Ja einer, der sich nicht konnt' in der Freude fassen,
Hat auf sein Petschaft schon den Amor stechen lassen.

Doch sah ein nüchterner, ein unverliebter Mann
Den Amor näher an, und ach der Schein zerrann.

Er fand, es sei des vorgesteckten Rohres Schiefe,
Die auf dem Augenglas hervor dies Scheinbild riefe.

Amor stand unbewegt der Mutter erst zur Seiten,
Dann bei des Rohres Drehn schien er sie zu umschreiten.

Ihn konnte langsamer und schneller lassen kreisen
Der Dreh'nde; so gefüg mußt' Amor sich erweisen.

Ja, wer den Knaben so an seinem Schnürchen hätte!
Daraus war's klar, es sei kein echter Amorette.

Und so in Aetherduft ist er denn auch verschwommen,
Und Venus wieder ist um ihren Sohn gekommen.

Gleichwohl ist es nicht unwahrscheinlich, daß geboren
Aus ihr ein Amor sei, vielleicht auch mehr Amoren,

Die nur, bisher für uns unsichtbar, sie umschweben,
Wie um der Schönheit Angesicht Liebreize weben.

Brahmanische Erzählungen III 79

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