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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4757

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4757

Alswie ein Wassertropf' in's Wasser eingegangen

Alswie ein Wassertropf in's Wasser eingegangen,
Und nicht zu scheiden ist von dem, das ihn umfangen;

Kannst du den Tropfen aus dem Wasser nehmen? nein;
Du kannst ihn nehmen, doch ein neuer wird es sein:

So geht im Schlaf, in dem die Wonnen Gottes triefen,
Sich selbst vertiefend, ein der Geist in Gottes Tiefen.

Er gehet ein in Gott, er gehet auf und unter
In Gott, verloren ist sein Ich; da wird er munter,

Und fühlet, daß er doch das Ich ist, das er war;
Sein gestrig Wachen ist ihm in Erinnrung klar.

Sein Angefangnes setzt er fort ununterbrochen,
Und denkt, wie er gedacht, und spricht, wie er gesprochen;

Nur daß des Wonneschlafs Verklärung, klarer, trüber
Nachdämmernd greifen in sein Wachen kann herüber.

Wie nun im Schlaf es ist, so ist im Tod es auch,
Dem tiefen Wonneschlaf, und Hauch von Gottes Hauch.

Das Ich geht ein in Gott, und bleibet sein in Gott,
Es bleibt das eigne ich auch im Verein in Gott.

Ob es in Gott verweilt, ob wieder Gott enteilt,
Es steht in Gott und geht aus Gott, von Gott geheilt.

Geheilt mit Heiligkeit, mit Seligkeit beseelt,
Ein Einzel-Ich für sich, der Ich-Allheit vermählt.

Was ist die Seligkeit? durch Ewigkeit der Zeiten
Erkennung aller gottvereinten Seligkeiten,

Der ganzen seligen Gemeinschaft aller Geister,
Die, jeder eins für sich, all' eines sind im Meister.

Wie im vollkommnen Staat des Staats Gepräge trägt
Jeder an sich und sieht es Jedem aufgeprägt;

In dieser Einheit sieht er selbst sich untergehn
Und all die andern auch, und alle so bestehn.

Brahmanische Erzählungen III 68

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