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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4592

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4592

Rama's Ruhm und Sita's Liebesleid

Von einem Sagenmeer vernehmt den Inbegriff,
Das nie zu Ende fuhr der Dichtung Götterschiff.

Wir selber, wenn wir einst die Furcht vor Felsenriffen
Bezwungen, wollen es ausführlicher beschiffen.

Das ist der heil'ge Stoff des Buchs Ramaiana:
In Zeilon-Lanka wohnt der Ungott Rawana.

Vom heißen Süden bis zum Nordschneebergesrand
Streckt er nach Willkür aus der Herrschaft Riesenhand.

Alswie ein Wetter sich vom tiefen Süden thürmet,
Und unaufhaltsam fort zum höchsten Norden stürmet;

Im Weiterstürmen selbst erschöpft es seine Wuth;
Doch Rawana ist ein Vulkan der ew'gen Glut.

Wie einzeln sonst der Welt des Unheils Ströme flossen,
Die alle haben sich in ihn als Meer ergossen.

Das Böse sichtbarlich hat sich in ihm gestaltet,
Vielköpfig sich an ihm, vielarmig sich entfaltet.

Die gute Schöpfung dient dem vielgestalt'gen Bösen,
Und Götterfriede selbst bebt vor den Weltgetösen.

Die Sonne wagte nicht, der Mond nicht wagte da
Zu scheinen, wo der Welt sich zeigte Rawana.

Die Erde selbst, als Kuh gestaltet, brüllt' empor
Zum Himmel, klagt' ihr Leid dem sel'gen Götterchor:

In welches Hirten Hand habt ihr mich lassen fallen?
In der Entweihung Schmach will ich nicht länger wallen.

Zu Rathe setzte sich der Götter Glanzgewimmel,
Da wo der Scheitel trägt des Nordgebirgs den Himmel.

Wer von den Göttern will, wer von den Menschen kann
Die Erd' erlösen aus des Riesen Zauberbann?

Da Vater Brahma mild ihm hat verliehn die Gnade,
Daß weder Menschenarm noch Götterhand ihm schade?

So rathlos saß der Rath der Götter dort, da trat
Der Helfer in den Kreis, der stets geholfen hat.

Gott Wischnu trat herein in mildem Lotosschein,
Und sprach: Von Rawana rett' ich die Welt allein.

Denn mir ist es vergönnt, zu sein nicht Mensch noch Gott,
Zu machen Gott- und Mensch-verspottende zu Spott.

Nicht Mensch noch Gott allein, Mensch und Gott im Verein,
Nicht halb Gott und halb Mensch, ganz Gottmensch will ich sein.

Längst dem Dasaratha, dem König, ist verheißen
Ein Sohn, der will ich sein, und Rama will ich heißen.

Denn Rama heißet Ruhm, drum will ich Rama heißen,
Den Ruhm, der mir gebührt, dem Rawana entreißen.

Er schwieg, und Beifall trug der Götter ihn zur Erde,
AIs er hernieder stieg, daß er geboren werde.

Die Götter blieben dort; der Liebe Gott nur, Kama,
Folgt' ihm, daß lieblich hier geboren würde Rama.

Liebathmend ward das Kind, liebreizend ward der Knabe;
Und als er Jüngling ward, ersehnt' er Liebesgabe.

Die Sonne schien mit Lust, der Mond mit Wonne da,
An Rama's Blicken frei von Furcht vor Rawana.

Still wuchs des Lichtes Reich, soweit den Blick er dehnte;
Und aus der Erde stieg das Glück ihm, das ersehnte.

Denn König Danaka in Mithila bestimmt
Den Tag, an dem sein Kind, Sita, den Gatten nimmt,

Die Sita, die kein Leib sterblicher Mutter trug,
Vielmehr der Erde Schooß, erwühlt vom Ackerpflug.

Denn als im Fruchtgefild er einst die Furche zog,
Entsprang daraus das Kind, das er als seins erzog.

Und nun bestimmt er sie dem Gatten, der den Bogen
Kann spannen, dessen Kraft schon manchen Wunsch betrogen

Den Bogen, den kein Arm der Männer spannen kann,
Der Jüngling Kama kommt, spannt ihn und ist ein Mann.

Als so die Braut im Scherz davon getragen Rama,
Da kam erst recht in's Herz ihm eingezogen Kama.

Des Rettungswerkes hätt' in Lieb' er da vergessen,
Wenn ihn der Feind nicht selbst erinnert hätte dessen.

Denn immer reizt zum Kampf den lichten Tag mit Dampf
Die Finsterniß, damit sie ihm erlieg' im Kampf.

Und Rawana herauf aus dunst'gem Süden schielte,
Wo auf der Liebe Flur in Blumen Sita spielte.

Die Liebesblüthe reizt den ungeheuern Freier,
Die zarte Taube wird entführt vom Riesengeier.

Rama, der Held, erwacht, und sieht am Tage Nacht,
Weil ihm aus Blumen nicht entgegen Sita lacht.

Und als er von der Flur den Liebesraub erfuhr,
Da that der Liebende den ersten Heldenschwur;

Das große Rettungswerk schwor er, ohn' es zu wissen:
Nun sei dem Rawana der Raub der Welt entrissen.

Die Liebe weckt den Ruhm mit ungestümer Mahnung,
Und höherer Beruf erwacht in ihr zur Ahnung.

Zum Weltkampf Rama ruft, und unter seine Fahnen
Stellt sich die Schöpfung froh und geht des Ruhmes Bahnen.

Die Menschen nicht allein, die Thiere selber wollen
Im großen Waffenspiel mitspielen ihre Rollen.

Die Schaar der Rosse kommt, das Heer der Elephanten,
Die sich zu Kriegesdienst und Lehenspflicht bekannten.

Anschirren lassen sich die kriegerischen Rosse,
Und Thürme tragen selbst die thürmenden Kolosse.

Ein leichter Trupp erscheint von streitbarem Geflügel,
Die reiten durch die Luft und brauchen keine Bügel.

Dem Menschen beizustehn erscheinen auch die Affen,
Sie wollen nicht umsonst ihm ähnlich sein geschaffen.

Die Affen führet an ihr Vater, Hanuman,
Von dem ein Affenvolk den Namen seit gewann.

Dagegen schaaren sich zu Rawana als Krieger
Die Schlangen, Drachen, Greif', Hyänen, Wölf' und Tiger.

So theilt die Schöpfung sich, und theilnahmlos sah zu
Dem Kampfe, Kampfpreis selbst, die Erd' als heil'ge Kuh.

Nun wechseln blutig rasch die Scenen in dem Drama,
Des Gegenspieler sind dort Rawana, hier Rama.

Der Schauplatz immer rückt vom Norden fort zum Süden,
Wo die Vorrückenden das Meer nun will ermüden.

Doch Rama's Wesenheer schlägt über's Meer die Brücke;
Die Trümmer sind davon geblieben dort zurücke.

Die Felsenpfeiler gehn durch's Meer hinüber noch,
Ein seiner Bogen nur beraubtes Brückenjoch.

Auf dieser Straße stürmt der Kriegsturm gegen Lanka,
Zurück zu pflücken dort Sita, die Siegesranke.

Rawana's letztes Haupt ist abgemäht dem Rumpfe,
Die Siegsbraut heimgeholt zum Festland im Triumphe.

Rama führt seine Lust zurück in's Königshaus;
Doch an der Liebe Brust ruht man nur einmal aus.

Die Welt, die kaum vom Raub des Riesen athmet frei,
Klagt, daß des Königs Weib entweiht vom Räuber sei.

Und Rama, des Gefühl laut ihre Reinheit schwört,
Kann die Volkstimme doch nicht lassen ungehört.

Des Königshauses Glanz soll ohne Flecken sein,
Und diesen Glanz befleckt auch der Befleckung Schein.

Dem Herzen siegt er ob in fürstlicher Ermannung,
Und das geliebte Weib schickt er in die Verbannung.

Stumm auf dem Goldthronrand sitzt einsam er und hält
In freudeloser Hand die freudenfrohe Welt.

Doch Sita, die verbannt auf Waldespfaden geht,
Kommt, wo in Stille wohnt Walmiki, der Poet.

Der hat, indeß der Kampf die Welt durchtoste laut,
Den ganzen Thatverlauf in seinem Geist geschaut;

Von jenem an, was dort zu Göttern Wischnu sprach,
Bis wo hier Rama's Herz bei Sita's Abschied brach.

Er tritt der ihm vom Geist gemeldeten entgegen,
Und heißt willkommen sie in seinen Friedgehegen:

Hier wohne, wo dein Leid du mit Geduld aufwägst,
Bis du zur Lust gebierst die Söhne, die du trägst.

Und Sita wohnte dort in Thränen, und gebar
In Thränenlächeln wie der Mai ein Söhnepaar.

Wie Duft und Glanz zugleich gebiert die Blum' im Thau,
Gebar sie anmuthreich die zwei Kusilawau.

Doppelt gespiegelt sah sie Rama's Ebenbild
Verklärt auf dunklem Grund, wie Sonn' im Wasser mild.

Die Sonn' ist Rama's Glanz, ihr Liebesleid der Grund,
Und die zwei gleichen thun beides verschieden kund.

Und wären sie nicht selbst mit Vaterbild geschmückt,
So hätte Mutterlieb' es ihnen aufgedrückt.

Sie hörten, seit heran sie wuchsen: Rama, Rame!
Denn von der Mutter Lipp' erging kein andrer Name.

Den Vater fühlten sie, den sie nie leiblich sahn,
Und nahmen sein Gepräg in Sinn und Zügen an.

Und als aus Mutterpfleg' in Lehrerzucht sie traten,
Zog diese größer nur die schon gepflegten Saaten.

Als sie vom Mutterschooß zu Meisters Füßen kamen,
Vernahmen sie auch dort nur Rama's, Rama's Namen.

Denn er, der Meister, hat, wie er im Geist es sah,
Inzwischen ausgedacht das Lied Ramaiana.

Und wie er alles hat in seinem Geist gebaut,
Hat er den Wunderbau nun ihrem Mund vertraut;

Von jenem an, was dort zu Göttern Wischnu sprach,
Bis wo hier Rama's Herz bei Sita's Abschied brach.

Wer ihnen Rama sei, das sagt' er ihnen nicht;
Er goß nur in ihr Herz von Rama das Gedicht.

Sie nahmen nur das Bild, das ihnen war gegeben
Von Rama, in's Gemüth, und Rama ward ihr Leben.

Und als sie kundig ganz nun waren, im Gesang
Sich kund zu thun, da drängt' in's Freie sie der Drang.

Von Meister ausgesandt und von der Mutter, traten
Sie an die Sängerfahrt und sangen Rama's Thaten.

Soweit im Erdenrund von Ort zu Ort sie traten,
Soweit dem Liedermund entquollen Rama's Thaten.

Es ward die weite Flur ein einz'ger Frühlingshall,
Und Rama, Rama nur sang jede Nachtigall.

Aus ihrem Doppelmund klang es von Mund zu Munde,
Und bis zu Rama drang vom Ramasang die Kunde.

Der König schweigend saß beim Fest in goldnen Hallen,
Umdient von Brüdern und krontragenden Vasallen.

Es fehlt des Festes Lust, es fehlt der Seelen Freude,
Stumm ist des Königs Brust und finster das Gebäude.

Er denket seinen Ruhm, ihm schwanken vor den Sinnen
Halbklare Bilder nur, um trübe zu zerrinnen.

Es fehlt des Sanges Hauch, der ihm den Spiegel kläre,
Und erst das reine Bild ihm von ihm selbst gewähre.

Da tritt ein lichter Schein und eine Wunderschau,
Der Sang, es tritt herein das Paar Kusilawau,

Der König sieht mit Lust sich selbst in ihren Zügen,
Und hört aus ihrem Mund sein wachsendes Vergnügen.

Der Kreis der Hörer lauscht und staunt, wie höh'rer Chor
Trägt im Zusammenklang dem Rama Rama vor;

Von jenem an, was dort zu Göttern Wischnu sprach,
Bis wo hier Rama's Herz bei Sita's Abschied brach.

Klar steht vor Rama's Blick, dem Auge sank die Blendung,
Sein irdisches Geschick und seine Himmelssendung.

Er ruft vom Traum erwacht: »O Lied und Leid, mein Paar
Von Söhnen, die verstoßnes Liebesglück gebar!

Holt mir die Mutter her, mich neu ihr zu vermählen,
Eh' wir den Weg von hier zurück zum Himmel wählen!«

Und Sita kommt heran, das Volk auf ihren Wegen
Streut Blumenhuldigung, und Rama zieht entgegen.

Doch als von ferne schon er nach ihr streckt den Arm,
Steht Sita still und blickt zu Boden ohne Harm:

»Bei'm heil'gen Mutterschooß, dem einst ich bin entstiegen
Zum Leben, und in dem ich lebensmüd will liegen,

Bezeug' ich's, daß mein Herz nie Lieb' und Treu' verließ,
Seit Rama mich erkor, und seit er mich verstieß.

In Lieb' und Treue so vollbracht' ich meinen Lauf.
Du Bild der Lieb' und Treu' o Mutter, nimm mich auf!«

Da thut der Erde Schooß sich auf vor ihren Füßen,
Und sie versinkt, indem die Augen Rama grüßen.

Sowie sein Lebensglück er sinken sieht danieder,
Nachsinken wollen ihm die todesmüden Glieder.

Er sinkt mit ihr in's Grab, doch auf des Ruhms Gefieder
Steigt himmelan sein Geist, und ist nun Wischnu wieder.

Euch, ihr Kusilawau, läßt er des Lebens Bürde;
Ihr truget Rama's Ruhm, nun traget seine Würde!

Brahmanische Erzählungen I 83

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