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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4589

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4589

Aus den Wanderjahren eines frommen Mannes

Ein frommer Mann erzählt aus seinen Wanderjahren,
Wie er einst wunderbar des Himmel Hülf' erfahren.

Er sagt es, um sich selbst und andre zu beschämen,
Wenn andre oder ihn der Nahrung Sorgen lähmen.

Ich ging am langen Tag, auf meiner Pilgerschaft
Und als die Sonne sank, entsank mir Muth und Kraft.

Da war im Waldgeheg die einsame Kapelle,
Die wählt' ich für die Nacht zu meiner Ruhestelle.

Kaum war ich eingekehrt, als mich ein Geist des Zagens
Besucht' und machte mir das Herz voll Unbehagens.

Er flüsterte mir ein beim schwachen Abendschein:
Du bist im wilden Wald hier mutterseelallein.

Aufsuchen solltest du ein nahes Dorf, wo Trost
Dir geben könnt' ein Mensch, und geben Abendkost.

Da richtete mein Blick sich zum Gesims' empor,
Und Vogelköpfchen sahn dort aus dem Nest hervor.

Die schrieen ungestüm nach ihrem Abendfutter;
Es hatte sich damit verspätet ihre Mutter.

Doch nun flog sie herein, und steckte jedem zu
Sein Bißlein; alle schnell gesättigt hielten Ruh'.

Ich aber sprach: So will ich auch von hier nicht weichen,
Bis wie den Vögelein geschehe mir desgleichen.

Nicht eisen will ich, bis an's Thor Einladung klopft,
Bewirthung in den Mund mir selbst den Bissen stopft. —

Ich streckte mich zum Schlaf im Winkel der Kapelle,
Und plößlich weckte mich Geräusch am Thor und Helle.

Es kam bei Fackelschein ein Mütterchen herein,
Umleuchtend fragte sie: wo mag der Gast hier sein?

Gewahr mich werdend, rief sie froh: Wohlauf, mein Gast!
Das Essen ist bereit, geschwind! hier gilt nicht Rast.

Doch wenn mein Dringen dir vielleicht Verwundrung bringt,
Vernimm in Kurzem, was mich zu der Eile dringt.

Mir liegt ein lieber Sohn danieder krank seit Wochen,
Der bat mich auf die Nacht ihm ein Gericht zu kochen.

Er hat seit Tagen nicht den Bissen angerührt,
Und nun zu dem Gericht hat er Gelust verspürt.

Da kocht' ich das Gericht voll froher Zuversicht,
Weil seine Heilung mir davon mein Herz verspricht.

Nun aber hat er sich verschworen und vermessen,
Er woll' es anders als mit einem Gast nicht essen;

Mit einem Gast, der hier in der Kapelle sei.
Geh', sprach er, Mütterchen, und schaff' ihn mir herbei.

Denn meine Lippe soll nicht eh'r ein Bissen rühren,
Du werdest einen denn zuvor zu Mund ihm führen.

So komm, o Gast, und laß den Bissen in den Mund
Dir stopfen, daß davon mir werd' ein Sohn gesund! —

Und so geschah's; ich ging mit ihr, und wurde satt,
Und jener ward gesund auf seiner Lagerstatt.

Brahmanische Erzählungen I 80

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