L Y R I K
LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4560

Friedrich Rückert (1788-1866)

[Inhalt] [Anfänge] [Titel] [Zeilen]

Poetische Werke 4560

Fürstenlaunen

Vor allem hüte dich, auf deinem Weg mit großen
Herrn, Fürsten, Königen, zusammen je zu stoßen.

Denn sicher bist du nie vor einer Fürstenlaune,
Solange sie umzäunt nicht sind mit festerm Zaune.

Wenn du bist schön von Leib, wird einer dich erwählen
Und seiner Söldnerschaar gezwungen einvermählen.

Und bist du häßlich, leicht geschieht dir, was geschah
Dem Armen, den der Fürst bei'm Morgenausritt sah.

Am frühen Morgen ritt er froher Jagd entgegen,
Und einen Bucklichten sah er an seinen Wegen.

Treibt aus dem Weg ihn, rief der Fürst, mit Peitschenstreichen!
Das Glück der Jagd wird scheu vor diesem Unglückszeichen.

Doch Abends kehrt er heim mit Beute reich beladen,
Und wieder sah er stehn den Armen an den Pfaden.

Da rief er ihn heran, ihn freundlich auszufragen;
Da fragt' auch ihn der Mann: Was ließest du mich schlagen?

Er sprach: Es ist bekannt, daß einen deinesgleichen
Am Morgen früh zu sehn, gilt für ein Unglückszeichen.

Da sprach der Mann: Bei dem, der ungleich uns gemacht!
Wer hat mehr Unglück hier und wer mehr Glück gebracht?

Du sahst den Bucklichten, und hattest Glück bei'm Jagen;
Ich sah den Fürsten und mein Buckel ist zerschlagen.

Brahmanische Erzählungen I 51

◀◀◀ ▶▶▶