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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4485

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4485

Edelstein und Perle 08

Es schleppten mich die widerwärt'gen Juden,
Die Schacherjuden, um in ihrem Sacke,
Worein sie allen Tausend-Schofel luden,

Und steckten unter'm andern Hackemacke
Mich noch zu unterst, als das Allerschlechteste
Von ihrem ganzen schlechten Lumpenpacke.

So wird auf Erden oft verkannt das Echteste:
Mich schmerzte wohl die schmähliche Verkennung,
Doch trug ich mit Geduld das Ungerechteste.

Nichts hat so sehr geschmerzt mich, als die Trennung
Von meiner Alten, seit dem Tag der Landung
Bis zu der Stunde meiner Anerkennung.

Ich wünscht' aus meiner schrecklichen Versandung
Im Sack der Juden, wo ich mußte schlaudern,
Zurück mich in des Meeres wild'ste Brandung.

Einst aber hört' ich sie zusammen plaudern,
Wie ich vielleicht doch sei nicht ganz nichtsnutzig;
Da fing mein Herz vor Freuden an zu schaudern.

Drauf bracht' ein Schacherjude lump- und schmutzig,
Mich hin zu einem des Geschäfts Verständigen;
Doch der empfing ganz mürrisch ihn und trutzig.

Er wollte, trotz des Juden ganz inständigen
Erbietungen, aus Furcht, sich zu beschmutzen,
Sich gar die Muschel lassen nicht einhändigen.

Das Jüdlein fing die Schal an abzuputzen,
Damit es einen Glanz von außen gebe.
Hin sah der Meister und begann zu stutzen;

Mit einem Blick auf's äußere Gewebe
Kann't er den Kern und langte nach der Perle,
Trotz allem Schmutz, der an der Muschel klebe.

Er kauft' um ein Geringes mich vom Kerle.
Der mochte sich so Großes nicht gewärtigen
Und drehte sich vor Lust gleich einem Ouerle.

Ich aber war nun los vom Widerwärtigen.
Der Meister setzte sich zurecht im Stuhle,
Anhebend, kunstgemäß mich auszufertigen.

An seiner Hand durchlief ich eine Schule,
Von Stuf' empor zu Stufe der Verreinerung
Geführt aus niedriger Unbildung Pfuhle.

Er zog mich aus der kalkigten Versteinerung;
Ich kann euch das methodisch nicht erzählen,
Wie er mich da gefördert zur Verfeinerung.

Ihr glaubt nicht, was man sich muß lassen quälen,
Um sich aus seinen angewachsnen Schalen
Der lieben Bildung willen loszuschälen.

Und oft bezahlen sich so schlecht die Qualen;
Denn die sind selten, die für sich was gelten,
Die meisten Perlen zählen nur nach Zahlen.

Doch weil ich bin von denen, die sind selten,
So darf ich auch in keinem Anbetracht
Des Meisters nicht verlorne Mühe schelten.

Er hat mich aus dem Kerker losgemacht,
Wo ich für's Auge lag der Welt vergraben,
Und hat zum jetz'gen Glanze mich gebracht.

Doch sollt' er selb an mir den Blick nicht laben;
Er mußt' am Ende denen hin mich geben,
Die ihm das Meiste für die Arbeit gaben.

So geht's auf Erden allen Künstlern eben,
So geht's auch allen Vätern und Erziehern.
Doch ich kam nun in's eigentliche Leben.

Von Pflastertretern und von Marktbeziehern,
Von Müßiggängern und von Budenläufern
Mußt' ich besehn mich lassen und bewiehern.

Wohl hätt' ich oft gehabt zu meinen Käufern
Gar keine Lust, hätt' ich gehabt nicht einige,
Doch loszukommen nur von den Verkäufern.

Es ist nicht noth, daß ich dir das bescheinige,
Mein Edelstein, zu dem ich dieses sage;
Mein Loos in diesem Stück ist auch das deinige.

Ich lief solange, bis an einem Tage
In einer Bude wir zusammentrafen;
Da war nicht Zeit zum Austausch unsrer Klage,

Und hier ist nicht der Ort; wir sind im Hafen.
Da wir gedachten, unser Schifflein scheitere,
Hat Gott, die Furcht so Lügen wollen strafen.

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Erzählungen. Winterleben 11

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