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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4464

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4464

Die drei Wanderer

Idyll aus den Weinleseliedern

Drei Wandersleute sieht man hin
Die lange Straße wandern,
Weit in die Ferne steht ihr Sinn,
Und einer spricht zum andern:

Da stehen sie am Wege nun,
Die langen Müßiggänger,
Und haben weiter nichts zu thun
Und werden immer länger.

Da stehn sie mit dem steifen Hals,
Die ungeschlachten Pappeln,
Und wissen nichts zu machen als
Mit ihren Blättern zappeln.

Sie tragen nicht, sie schatten nicht,
Und rauben, wo wir wallen,
Uns nur der Landschaft Angesicht;
Wem können sie gefallen?

Verzogne, vorgezogne Zucht
An kleinen Fürstenhöfen,
Sie geben keine gute Frucht,
Und schlechtes Holz den Oefen.

Verdrängen jeden bessern Baum,
Der fruchtbar langsam sprießet,
Nicht wie ein Pilz und wie ein Traum
So über Nacht aufschießet.

Sie saugen nur die Felder aus,
Die hochgebornen Prasser;
An ihrem Blatt die gift'ge Laus
Verdirbt im Quell das Wasser.

Und wie auf ihren Wipfeln mag
Kein Vogel ruhn und rasten,
Kein Wandrer auch am heißen Tag
Mag unter ihnen gasten.

Sie stehn nur da, damit er sieht,
Wie weit hinaus sich dehnet
Die Straß', in deren Staub er zieht
Und müd' ihr End' ersehnet.

Gleich Grenadieren aufgestellt,
In langgedehnten Haufen;
Weh', dem das Loos der Strafe fällt,
Die Gass' hindurch zu laufen!

Durchlaufen, wollt' ich, wäre sie,
Und nah die fernen Räume,
Wo tröstlicher als Pappeln hie,
Am Weg stehn Kirschenbäume.

Der Andere

Die Kirschenbäume sind wohl schön,
Ich habe nur zu tadeln,
Daß man sie auch zu solchen Höh'n
Hier sucht empor zu adeln.

Man hat in jungen Jahren sie
Geputzt und aufgestutzet,
Im Wachsen immer waren sie,
Und keinem hat's genutzet.

Man hat sie künstlich aufgeschraubt,
Daß ihre schönen Kronen
Im Himmel schweben hochbelaubt;
Wie werden sie's nun lohnen?

Kaum an zu tragen fangen sie,
Und schon zugleich zu serben,
Hoch in den Lüsten prangen sie,
Um unten abzusterben.

Und wenn sie tragen rothe Frucht,
So ist's nur für die Spatzen;
Kein Wanderer auf seiner Flucht
Wird ihre Gab' erschwatzen.

Sie winken hoch am Baume nur,
Um seinen Durst zu reizen;
Die Zunge klebt am Gaumen nur,
Sie halten fest und geizen.

Ich mag dafür im fernern Raum
Die Aepfelbäume loben,
Zuweilen wirft ein Apfelbaum
Dir etwas zu von oben.

Der Dritte

Und wenn zu fest der Apfel war,
So schmerzt er auf der Scheitel;
Wurmstichig ist der mürbe gar,
Der schönste Schein ist eitel.

Doch mag ein Baum von Zeit zu Zeit
Mir reichen seine Gaben,
Bis wir gekommen sind so weit,
Wo bessre sind zu haben.

Dort unten, wo der stille Main
Durch Rebenberge gaukelt,
Und längs dem Fluß auf hohem Rain,
Im Laub die Traube schaukelt.

Pfandwische zwar sind aufgesteckt,
Und Weinbergshüter pfeifen ;
Von jenen wird der Dieb geschreckt,
Den diese werden greifen.

Doch nicht der Wandrer ist bedroht,
Dem es die Bräuch' erlauben,
Wenn es Begier und Durst gebot,
Zu schneiden ab drei Trauben.

Er darf die Trauben aus der Hand
Aufessen fein bescheiden,
Meint'wegen ohne Furcht vor Pfand
Sich auch die vierte schneiden.

Doch wenn er frech ist im Begriff
Zu stecken in die Taschen,
So thut der Hüter einen Pfiff,
Und wird ihn, kann er's, haschen.

Ich ging einmal durch Mailand auch,
Und sah dort größ're Trauben,
Doch wollte meinen Mainlandsbrauch
Mir Niemand dort erlauben.

Wo eine Traube hoch genug
Nicht hing verzäunt, verbalket,
Da hatte sie ihr Eigner klug
Begipset und bekalket;

Daß sie fein ungenießbar sei,
Und mir unappetitlich;
Ich ging die Traube stumm vorbei,
Und dachte: ländlich, sittlich.

Des Himmels voller Segen sei
Ersatz in deinem Schlauche,
So lang du bleibst, o Franken, bei
Dem gut altfränk'schen Brauche!

Ich höre, daß er auszugehn
Bereits hab' angefangen;
Auf! eilen wir zum Schmaus zu gehn,
Eh' ganz er eingegangen.

Heimat 47

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