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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4459

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4459

Die Wünsche

Wenn wir einmal wünschen sollen,
Laßt uns wünschen gleich was rechtes,
Ob uns gnädig hören wollen
Helfer menschlichen Geschlechtes,
Wie sie hörten
Die verstörten
Drei Verschütteten im Bergwerkstollen.

Von dem Erdfall überfallen,
Von zwiefacher Nacht umnachtet,
Sind sie, abgetrennt von allen
Ueberird'schen, hingeschmachtet,
Lange Tage,
Ohne Klage,
Bis zuletzt sie ließen dies' erschallen:

Daß ich ─ wünschend sprach's der Eine ─
Noch mit einem Augenblicke
An des Himmels Sonnenscheine,
Reiner Bläue mich erquicke,
Eh' auf immer
Ohne Schimmer
Mich des Todes Finsterniß umstricke!

Daß ich ─ wünschend sprach's der Zweite ─
Noch einmal mit diesen Füßen
Ueber meine Schwelle schreite,
Drin mein theures Weib zu grüßen,
Eh' die Schauer
Langer Dauer
Mich im Grabe trennen von der Süßen!

Daß ich ─ wünschend sprach's der Dritte ─
Und sein Herz begann zu beben ─
Daß in meiner Lieben Mitte
Ich ausleben mög' ein Leben
Voller Wonne
An der Sonne,
Und im Sonnenlicht gen Himmel schweben.

Also sprachen sie, und schwiegen;
Und wie sie zu sterben dachten,
Kam der Schall herabgestiegen
Derer, welche Hülfe brachten.
Aexte dröhnen,
Stimmen tönen,
Und gerettet sehn sich die Erwachten.

Und wie es gewünscht der Eine,
Sah die Sonn' im Augenblicke
Recht ihn an mit hellem Scheine,
Daß er sich daran erquicke;
Dann auf immer
Ihrem Schimmer
Schloß die Augen ihm des Tod's Geschicke.

Und wie es gewünscht der Zweite,
Sah man ihn auf festen Füßen
Gehn in's Haus mit Festgeleite,
Sein geliebtes Weib zu grüßen.
Kurze Dauer!
Todesschauer
Faszten ihn, erstarb an ihrer Seite.

Und wie es gewünscht der Dritte,
Wie er es gewünscht mit Beben,
So in seiner Lieben Mitte
Sahen sie ihn lange leben,
Voller Wonne,
An der Sonne,
Und zuletzt wie andre sterben eben.

Heimat 42

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