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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4328

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4328

Diese vierzehn trübverhüllten
Ersten Tage des Septembers,
Wo die wüsten Winde brüllten
Wie zu Ende des Novembers,

Machten mir das Herz beklommen,
Daß ich mit dem Himmel grollte,
Ob ich so erbärmlich kommen
Um des Sommers Nachklang sollte?

Eines hat mir Trost gegeben,
Daß ich meine Schwalben sah
Noch so unbefangen schweben,
Als sei nicht ihr Abzug nah.

Und dahinten lauscht im Garten
Ein verspätet Knospenpaar,
Scheint vom Herbste zu erwarten
Was versagt vom Sommer war.

Hoffe nur! der Sonne Kraft
Wird noch einmal sich erheben,
Eh' sie in Gefangenschaft
Sich dem Winter muß ergeben.

Blühn wird noch das Rosenpaar,
Um den Todtenkranz zu schlingen
Und die Schwalbenreiseschaar
Wird des Sommers Sterbelied singen.

Sinken siehst du in die Gruft
Zwar den Liebesschmuck der Erde,
Doch in sonn'gen Nebelduft,
Daß die Trauer lieblich werde.

Herbstlieder 8

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