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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4282

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4282

Abschied von Neuseß

Eh' ich diesmal von dir schiede,
Mahnet meine Liebe mich,
Ob ich endlich nicht im Liede
Nennen woll', o Neuseß dich,
Das wohl mancher, der dich kennet,
Leicht in manchem Lied erkannt,
Doch das ich ─ undankbar nennet
Es die Liebe ─ nie genannt.

Neuer Sitz am alten Koburg,
Mir im Herbst ein neuer Lenz,
Meine kleine Freudenfrohburg
Ehrenburg und Residenz!
Dessen Schatten ein Vertrauter
Meiner Einsamkeiten sprießt,
Wo die Lauter hell und lauter
Meinem Zaun vorüberfließt.

Wo ich, was ich strebt', erstrebte,
Wo ich, was ich rang, errang,
Meinen Liebesfrühling lebte,
Meinen Liebesfrühling sang.
Könnt' ich auch in dir verleben
Meinen Lebensherbst! in dir
Ihn versingen? Das nicht eben;
Gieb nur das Verleben mir!

Ein Verleben und Erleben,
Ein Ausleben rein und gar,
O Natur, wie du gegeben
Allen Pflanzen dieses Jahr,
Wo du noch mit Sonnenglanze
Krönst den Baum, den du entfärbst;
So in meiner Kinder Kranze
Laß mich leben meinen Herbst!

Doch warum nicht auch ihn singen?
Ist nicht hier Poetenluft?
Und sogar, vor allen Dingen,
Ist nicht hier Poetengruft?
Ja, dem Reisevater Thümmel,
Der noch manchen heiter rührt,
Steht, entfernt vorn Stadtgetümmel,
Dort sein Denkmal aufgeführt,

Wohlgewählt auf angenehmer
Mittlerer Erhöhung dort,
Wo sich darstellt zu bequemer
Ueberschauung Thal und Ort;
Wählte nicht der reisematte
Sich die letzte Aussicht schön,
Der stets seinen Standpunkt hatte
Auf des Lebens mittlern Höhn?

Gegenüber aus dem Fenster
Meiner Wohnung sah ich schon
Ost zur Stunde der Gespenster
Aus dem Grab den Göttersohn
Stehn, und auf der Wipfel Wallen
Niederschau'n in Mondenschein,
Lauschend auf die Nachtigallen,
Die sein Herzog hegt im Hain.

Schön ist es, zum Freunde haben
Einen Fürsten, der den Mann
Lebend ehren, und begraben
Auch in Ehren lassen kann;
Schön solch einen, der vor allen
Die Natur und Kunst so liebt,
Daß er selbst den Nachtigallen
Freie Statt im Freien giebt.

Mir ein Denkmal aufzuführen,
Will ich Fürsten nicht bemühn;
Wie sich meine Saiten rühren,
Steigt es in die Wolken kühn,
Höher, glänzender und größer,
Um mit Stolz herabzuschau'n
Aus die beiden höchsten Schlösser,
Die sich dort entgegen bau'n:

Dorther ob der Stadt die Veste,
Hinter der die Sonne steigt,
Dort die schön erneuten Reste
Kahlenberg's, wo sie sich neigt.
Nordwärts neigt sie sich den Zinnen
In des Sommers höchstem Stand;
Wenn sie's südwärts thut, von hinnen
Treibt uns dann der Herbst vom Land.

Wenn noch auf den Burgen Riesen
Wohnten wie in alter Zeit,
Könnten brüderlich von diesen
Beiden auch, wiewohl so breit
Drunten mit dem Blüthenprangen
Sich dazwischen legt das Thal,
Zwei darüber hin sich langen
Morgentrunk und Schlafpokal.

Aber nun, vor Riesenschatten
Ueber'm Haupte wenig bang,
Zeich'n ich durch bethaute Matten
Zu dir meinen Morgengang,
Kahlenberg, vorbei dem Weiher,
Der empor den Frühdampf schickt,
Den mein Auge droben freier
Mit der Sonne niederblickt.

O wie oft in solchen Stunden,
Wo dein Lustschloß, unbesucht
Gleichsam schläft, hab' ich gefunden
Meine Lust hier ungesucht!
Jeden Gang hab' ich betreten,
Und besessen jede Bank,
Die man, von mir ungebeten,
Doch gemacht zu meinem Dank.

Keine mehr zu meinem Danke
Als genüber die dem Schloß,
Das von da wie ein Gedanke
Alter Zeiten still und groß
Sich vor Aug' und Seele stellet,
Altergrau und jung zugleich,
Schmuck und Wohnlichkeit gesellet,
Wie ein künft'ges deutsches Reich.

Aber nun in dunklen Forsten
Laßt mich meinen Heimweg spähn,
Wo die freien Vögel horsten,
Und gefangne Thiere gehn;
Staunend hab' ich hier gehöret,
Und verwundert auch gesehn,
Wie der Hirsch im Dickicht röhret,
Und wie ihm die Zacken stehn.

Tretend aus des Wildes Zaune,
Schließ die Gatter hinter dir,
Dankbar daß dir Fürstenlaune
Zeiget manches seltne Thier,
Selbst den Steinbock, der getreulich
Her kam mit der Schweizerei,
Aber klagt, daß es abscheulich
Flach auf diesen Alpen sei.

Herbstwind, der du diese Felder
Zum Heerlager nun gewählt,
Lichte zögernd diese Wälder!
Denn die Blätter sind gezählt
Von dem Herrn; wie seine Krone
Hat er Laubeskronen lieb,
Brechen kann er sehn nicht ohne
Mitleid einen grünen Trieb.

Gleichwie einst am Hellesponte
Xcrxes, als er zog einher,
Ungerührt nicht sehen konnte
Einen Platan, welchem er
Eine Ehrenschutzwach stellte,
Daß ihm sei gekränkt kein Laub;
Den das Perserheer nicht fällte,
Nahm der Winter doch zum Raub.

Und so sei nur ungeschmeidig,
Wirf die Blätter auf den Rain!
Hier vertreibest du mich leidig,
Doch ich ziehe jeht zum Main;
Morgen zieh' ich hin zum Maine,
Wo du jetzt die Blätter streifst
Von dem Berg, wie hier vom Haine,
Doch darunter Trauben reifst.

Daß an ihm ich bin geboren,
Macht den Main so lieb mir nicht,
Als dasß er im Tanz der Horen
Diesen Kranz, den letzten, flicht;
Ja, mich zieht aus deinem Frieden,
Neu erkorner Heimathsport,
Keine Frucht der Hesperiden,
Sondern nur die Traube fort.

Und ich werd' in dir o Neuseß,
Ganz vor Heimweh sein umschanzt,
Wann ich statt des Waldgesträußes
Reben erst hab' angepflanzt.
Hab' in jedem Stand der Sonne
Schon darauf dich angeschaut,
Da und dort mit Herzenswonne
In der Zukunft Wein gebaut.

Wo der Goldberg seine Halde
Sanft zum Mittagstrahle kehrt,
Und die Stirn mit Eichenwalde
Gegen Nord und Oft bewehrt;
Dort, wo spärlich goldne Aehren
Wachsen, wächst ein goldner Wein,
Den als Sonnenkind gebären
Wunderähnlich Sand und Stein.

Dort im selbstgepflanzten Garten,
Wenn zur Wahrheit wird ein Traum,
Will ich meiner Reben warten,
Und mir pressen Purpurschaum,
Ihn zu spenden meinen Lieben,
Allen, die mein Herz erkor,
Allen, die durch Gott mir blieben,
Und die ich durch ihn verlor.

Herbst 21

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