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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4185

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4185

Wettgesang

(Modernes Idyll)

Einleitung

Heute belauscht' ich am Bach wetteifernde Hirtengesänge,
Und schwellend hob sich meine Brust

Beim anschmeichelnden Hauch einfältiger landlicher Klänge
Von Liebesleid und Sommerlust.

Kunstlos war der Gesang, auch prunklos waren die Singer,
Und selber schmucklos war die Flur;

Doch vom Himmel ein Glanz war irdischer Mängel Bezwinger,
Ich sah verklärte Lichtnatur.

Hört, nicht wie es entsprang, wie mir in bezauberten Ohren
Das umgeborene Hirtenlied

Sein ursprüngliches Nackt im tönenden Schmucke verloren,
Und wie ich selbst den Streit entschied.

Der Wettgesang

Der Eine
Blick auf's Thal,
Sonnenstrahl!
Glänze mild
In's Gefild,
Mach die Flur
Freundlich nur!
Mach ihr Bahn,
Die mir nahn
Heute soll
Liebevoll.
Tritt sie bald
Aus dem Wald?
Kommt sie schön
Von den Höhn?
Ach, sie kommt
Nicht! es frommt
Mir kein Licht;
Blicke nicht!

Der Andere
Rausche nicht,
Bach! es spricht
Abendluft
Mit dem Duft,
Daß sie still
Nahen will.
O wie lang
Harr' ich bang!
Hör ich schon
Ihren Ton?
Ach, es klagt
Luft und fragt
Dort den Stern,
Ob sie fern
Dieser Flur,
Andrer Spur
Gehe nach?
Rausche, Bach!

Der Eine
Frühling, der du diese Wiesen
Ueberblümst mit fliehendem Fuß!
Halt den Schritt an, hemme diesen
Uebereilten Reis'entschluß.
Halt! erst muß
Jene Hirtin, die sich bücket
Und die letzten Blumen pflücket,
Lächeln dir den Scheidegruß.

Der Andere
Sommer, der du, als du kamest,
Mein noch aus dem vor'gen Jahr
Frischgeblieb'nes Leid vernahmest,
Dessen Blüth' ein Seufzer war!
Willst du gar
Scheiden, eh' du auch gesehen,
Wie nach ausgeklagten Wehen
Jubelt ein verbundnes Paar?

Der Eine
Mit meinen Angelruthen
Saß ich am Bach im Hain,
Es schimmerten die Gluthen
Des Abends mild herein.

Ich wollte fangen Fische,
Doch wie zur Fluth ich sah,
Schien in der Purpurfrische
Dein Angesicht mir nah.

Hinschweben ließ im Tanze
Ich das bewegte Rohr,
Und zog aus deinem Glanze
Mein dunkles Leid empor.

Der Andere
Ich stellte meine Dohne,
Im Busch am Wasserfall,
Da machtest du mich ohne
Gedanken, Nachtigall!

Die mit dem Widerhalle
Von meiner Liebe sprach,
Und bildetest im Schalle
Der Liebsten Stimme nach.

Die Dohne sah ich hangen,
Was wird gefangen sein?
Es ist doch nur gefangen
Mein armes Herz allein.

Sommer 93

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