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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4175

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4175

Die Wildniß

Ich wollte mich entziehen
Dem menschlichen Verein,
Und in die Wildniß fliehen
Mit der Natur allein.

Da sah ich doch die Fluren
Mit rechtem Reiz geschmückt,
Wo Menschenlebens Spuren
Nur waren aufgedrückt.

Dort jene goldnen Garben,
Sie sind an ihrem Platz,
Der dunkelgrünen Farben
Des Waldes Gegensatz.

So muß ich auch den Schnitter
Mit seiner Schnitterin
Als Landschaftbildes Flitter
Zulassen immerhin.

Und dort die muntre Herde
Belebt den öden Strauch;
Und ihr vergönnen werde
Ich doch den Hirten auch.

Die Windung jener Pfade
Ist ein gewandter Zug;
Was schadet's, wenn er grade
Nun einen Wandrer trug?

Und dort vom grünen Bühle,
Wo sich der Mühlbach stürzt;
Was wär' er ohne Mühle,
Die ihn zur Thatkraft schürzt?

So sei des Mahlgangs Füller
Im Innern auch erlaubt,
Und dem bestaubten Müller
Die Müll'rin ungeraubt

Und dort, für das sie malen,
Und das für sie nun drischt,
Das Dorf, um das in Strahlen
Der Abend jetzt erlischt!

Und dort die grauen Reste
Versunkner Ritterzeit,
Die Trümmer, wie zum Feste
Gebaut der Einsamkeit!

Und dort der Gottesacker,
Vom Thau der Nacht gesäugt,
Wo irres Lichfgeflacker
Vom Geist im Staube zeugt.

Ja, wo vom Menschenleben
Dir selber fehlt die Spur,
Muß Menschentod noch geben
Dir deinen Reiz, Natur!

In Mitte deiner Stillen
Will ich hinein mich bau'n,
hinein in deine Füllen
Von Tod und Leben schau'n.

Und die Eremitage,
Die ich mir ausgedacht,
Ist eigens zur Staffage
Der Landschaft nur gemacht.

Sommer 83

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