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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 4109

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 4109

Der Fußwanderer

Wenn auch mich ein Gott,
Und sei's auch nur
Von den kleineren einer,
Bis hieher
Auf meiner Lebensreise
Geleitet hat;
So hör' er gnädig
Jetzt mein Gebet!
Des Fußreisenden
Stillhinwandelnden
Anspruchloseres
Frommes Gebet.

Nicht mit Rossen und Wagen,
Dienstbar gemachter
Fremder Kraft,
Durch die Menge zu rasseln,
Rechts und Links
Staub und Aufsehn
Zu erregen,
Ist mir verliehn.

Sondern mit eignem
Rüstigem Fuße
Die gebahneten Pfade
Nach meinem Ziel
Hinzuwandeln;
Aber wo Neugier
Und kühner Muth
Mich abseits lockt,
Selbst mir im Nothfall
Einen zu bahnen;
Fest dabei mich zu stützen
Auf meinen Freund,
Den erkorenen
Wanderstab.

Und so lasse der Gott,
Wenn es ihn freut,
Wie ich's begonnen,
Mich's zum glücklichen
End' auch führen.

In der Frühe des Tages
Wecke die Sonne mich,
Oder der Morgenstern,
Daß ich eine schöne Strecke
In der duftigen Frische wandle,
Eh' im Scheitel
Die Sonne brennt;
Dann die Gluthen des Mittags
Unter kühlenden Schatten ich
Schlaz vermeide,
Sorglos ruhend,
Sicher doch
Mit vom Abend
Beflügelten Schritten
Des zu erreichenden
Ziels vor Nacht.

Den eitlen Prunk der Städte
Mag ich gerne vermeiden,
Der nicht dem Fuß-
Wanderer ziemt.
Durch lustwandelnder Gaffer
Glänzende Kleider,
Schwebenden Gang,
Mit wundem Tritt
Aus brennendem Pflaster,
Mit staubigem Schuh
Und fliegendem Haar,
Auf dem Rücken das Bündel,
Ein lächerlicher Auszug ist's.

Wenn der Heerweg
Gegangen sein muß,
Der langweilig,
Unerquickliche
In einförmiger Dehnung,
Wo die lastbaren
Räder knarren,
Der Fuhrmann flucht,
Müßige Kutscher,
Vorüberfliegend,
Staub auswirbeln
In des Wanderers Antlitz;
Oder hoch-
Trabende Reuter,
Vorbeigetrabt,
Umsehn nach dem,
Der Schritt mit ihnen nicht halten kann;
Lehre der Gott
Ruhige Fassung
Mich und Geduld,
Daß vom ebenen
Boden ich
Nicht hinauf
Zürne zu denen,
Die gewiegt und geschaukelt,
Weiter kommen,
Als ich mit meines
Schreitenden Fußes Kraftanstrengungen.

Durch die Dörfer im Grunde,
Vorbei die friedlichen Mühlen,
Ueber blühende Wiesen,
Zeig' er den schlängelnden
Fußpfad mir;
Und hinauf ins Gebirg,
Waldschluchten hindurch,
Unwegsame dem Reuter,
Mach' er die unbekannten
Steige mir kund;
Daß am Abend ich dennoch
Auf kürzerem Weg
Zurückgewonnen
Den abgewonnenen Vorsprung habe.

Herrlich labt's
Von des hohen Gebirgs
Höchsten errungenem Gipfel,
Stehend, athmend,
Niederzuschaun
Auf die unten liegende Welt,
In die Unendlichkeit um sich her
Den Blick zu verlieren:
Doch ich halte mich lieber
An des abgeschlossenen
Mich umfangenden Thales
Schöne, sichere Begränzungen.

Ruhend am Bach
Rücklings das Haupt
In's Gras gebückt,
Staunend empor
Zu den Bergen blick' ich,
Oder lasse,
Vorwärts geneigt,
In der Fluth sich
Neben mir
Die überhangenden spiegeln.

Aus ihrer Nähe
Gewaltigem Odem
Wehet der unerforschten Natur
Schöpferisches
Grausen mich an.
Aber wo ihre
Liebsten Geschöpfe,
Meine Brüder,
Die Menschen sich
In den Ebenen
Und im Thale
Still ihr Dasein
Geordnet haben,
Will ich's sehn im Vorübergehn.

Wo die Saaten wogen,
Und Heerden läuten,
Ein Dorf versteckt
Aus rauchenden Hütten
Den Kirchthurm hebt,
Rühre der fehlenden,
Oder entbehrten
Heimath schmerzlich
Süßes Gefühl
Im Vorbeigehn
Den Wanderer an.

Wo die Bilder der Liebe
In spielender Knaben
Gesundheitsfülle
Auf vollblühenden
Mädchenwangen
Und im funkelnden
Jünglingsblick,
Oder auch
Auf des ruhigen Mannes
Ernster Stirne
Voll Vatersorgen,
Doch ohne Falten,
Mir begegnen
Will ich sie im Vorbeigehn segnen.

Und am Abende,
Wenn ich müde
Vom bewegten
Gemälde des Tages,
Nicht ermattet,
Doch zur Ruhe
Der Nacht mich sehne:
Zeige der Gott
Wenn er mich liebt,
Daß ich das feile
Wirthshaussschild
Vorbeigehn kann,
Wo man den Gast um Bezahlung ehrt; ─

Zeig' er eine
Hütte mir
Mit des Hofes offener Pforte,
Wo, die Sitte der Zeit nicht kennend,
Noch die alte
Gastlichkeit wohnt,
Die den grüßenden
Zu sich ladend,
Ihn am getheilten
Mahl erquickend,
Um Gotteslohn
Geb' Obdach bis zum Morgen.

Und ein freundlicher
Traum besuche
Mich mit dem Schlafe zu Nacht;
Der des Tages
Lust und Leiden,
Licht und Schatten
Sanft ausgleichend
Was ihm noch fehlt,
Alles gebe dem Herzen;
Während sein Bruder,
Gliederlösend,
Stärkend im weichen
Arme mich hält;
Bis die Lüfte des Morgens
Beide scheuchen,
Und erwacht
Mit frischer Lust
Der weitern Reis' ich gedenke.

Sommer 17

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