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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 3892

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 3892

Die beiden Lenen

Auf der Kindheit frühsten Scenen
Im Erinnerungsdämmerschein
Seh' ich um mich stehn zwo Lenen,
Beide meine Schwesterlein;
Alles kam von denen,
Was von zarter Poesie ist mein.

Mir dem Knaben nachgeboren,
Sahn sie selbst einander nicht;
Schon der einen war verloren,
Eh' die andr' es sah, das Licht;
Und ich war erkoren
Beide zu vereinen im Gedicht.

Nach der ersten ging die zweite,
Als sie mir gelächelt kaum;
Standen mir darauf zur Seite
Nur, wie noch sie stehn, im Traum,
Blickten zum Geleite
Mir hernieder aus des Himmels Raum.

Ob sie je den Blick entzogen,
Wenn ich sein nicht würdig war?
Aber niemals mir entflogen
Meine Engel ganz und gar;
Aus den tiefsten Wogen
Sah ich hoch mein Sterne-Schwester-Paar.

Jede von euch heißet Lene,
Doch der Nam' ist ganz nicht gleich.
Voller heiß die Ein' Helene,
Bild aus griech'schem Schönheitgreich,
Aber Magdalene
Hieß die andre herzempfindungsweich.

Ob Helen' ob Magdalene
Erste oder zweite war,
Weiß ich nicht, es ist Helene
Nur mit Magdalen' ein Paar,
Die nicht ohne jene,
Beide miteinander immerdar.

O Helene, der Hellenen
Schöne Klarheit strahle du!
Magdalene, Magd in Thränen,
Sehnen gieb und Friedensruh'
Mir und allen denen,
Die noch hören meinen Liedern zu!

Des Dorfamtmannsohnes Kinderjahre 44

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