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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 3858

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 3858

Frau Barbe

Frau Barbe saß an ihrem Rädchen,
Die Töchter hatten Muß genascht,
Sie sprach, indeß sie zog ihr Fädchen:
Ihr lieben Töchter! Geht und wascht
Hand und Gesicht,
Daß etwa nicht
Ein Freier so euch überrascht
Als ungewaschne Mädchen.

Seht dort im Winkel unser Kätzchen!
Ihr kennet wohl den alten Spruch:
Wenn es sich putzt mit seinen Tätzchen,
Bedeutet's einen Gastbesuch.
Die Leute gehn
Nicht es zu sehn,
Doch ordnet es sein Busentuch,
Und schniegelt sich das Lätzchen.

Ein Geist, mit dem es steht im Bunde,
Sagt ihm, was vor der Thüre sei;
Ihr aber habt zuvor nicht Kunde,
Wann einer geht auf Freierei.
Den Wink benutzt!
Und seid geputzt
Zu jeder Stund', und nebenbei
Auch fleißig jede Stunde! ─

Die Mädchen fuhren nach den Haaren,
Und kämmten gleich sich auf Geheiß.
Dann lachten sie und sprachen: Sparen,
Frau Mutter, können wir den Fleiß.
Dazu ist ja
Das Kätzchen da,
Daß wir, wann es wen kommen weiß,
Von ihm es auch erfahren. ─

Allein das Kätzchen hatt' ein Schätzchen
Im Dorf, zu dem es manchmal schlich.
Und als einmal war leer sein Plätzchen
Verrechneten die Mädchen sich:
Denn ungemahnt
Und ungeahnt
Erschien der Freier, und entwich
Vor ungewaschnen Frätzchen.

Des Dorfamtmannsohnes Kinderjahre 10

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