L Y R I K
LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 3856

Friedrich Rückert (1788-1866)

[Inhalt] [Anfänge] [Titel] [Zeilen]

Poetische Werke 3856

Der alte Pax

Vor dem Mühlenthore,
Wo nicht Mühlen sind zu sehn,
Sah ich doch im Flore
Reizende Gewächse stehn.

Blühender Hollunder
Stand dem alten Kasten nah,
Und ich fing wie Zunder
Feuer, als die Beut' ich sah.

Dacht' ich denn, daß Leute,
Andre Leute wohnten hier,
Die mir eine Beute
Streitig machten im Revier?

Und die vollsten Dolden
Hatt' ich bald mir abgeknickt,
Aber von unholden
Augen ward ich angeblickt.

Sieben Stadtsoldaten
Deren einen ich gekränkt,
Mir entgegen traten,
Ihre Spieß' auf mich gesenkt.

Und es sollt' ein Sträußchen,
Das ich mir in Unschuld nahm,
Mich in's Wachstubhäuschen
Bringen, wenn kein Retter kam.

Doch her sah ich schreiten
Unsern Freund, den alten Pax,
Liebreich auf die Seiten
Nahm er einen alten Stax.

Sprach: Schleppt diesen Buben
Nicht in eure Mäuseschanz'!
In der dunklen Stuben
Läßt er euch kein Fenster ganz.

's ist ein Amtmannsbube
Droben aus dem Haßbergsland
Der bei Kraut und Rube
Nicht gelernt hat Stadtverstand.

Nicht nur Blüthenrispeln
Hält er für sein Leibgeding,
Holzbirn' auch und Mispeln,
Mehlbeer, Schlee und Speierling.

Aber seinem Vater
Sag' ich's, der ihn ziehen soll.
Schnur nicht, alter Kater,
Nimm den Deut und trink dich voll:

Doch du lockrer Zeisig,
Meide künftig diesen Hag!
Flieg nach Haus, sei fleißig,
Lerne deinen Finkenschlag!

Kennst nun die Soldaten,
Aus dem Staube mach dich stracks!
Daß sie dich nicht braten,
Danke du's dem alten Pax! ─

Ob ich dir es danke?
Alter Schnurrengeneral,
Der mit manchem Schwanke
Uns die kind'schen Herzen stahl!

Nun, das Vademecum
Deiner Witz' ist anch verbraucht,
Und du ruhst, Pax tecum;
Wo der Frieden ewig haucht.

Immer unzufrieden
Mit der Welt, doch gottvergnügt,
Wie dir's war beschieden,
Hast du friedlich dich gefügt.

Wohl aus diesem Grunde
Wardst du Pax im Scherz genannt:
Oder bessre Kunde
Ist davon mir unbekannt.

Doch auf diesen Triften,
Wo der Jugend Honigseim
Träufelt, laß dir stiften
Zum Gedächtniß diesen Reim!

Des Dorfamtmannsohnes Kinderjahre 8

◀◀◀ ▶▶▶