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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 3723

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 3723

Der Apotheker

Kam ein alter, rost'ger,
Kalter, frost'ger,
Dürrer, eingeschrumpfter,
Abgestumpfter,
Arzeneienschmecker,
Gläserlecker,
Apotheker, langsam,
Mühvoll-gangsam,
Durch den Garten schleichend,
Und sah keichend
Bäum' und Pflanzenarten
An im Garten,
Um die Eigenschaften,
Die da haften
An den schönen Sachen,
Auszumachen:
Was für blöde Augen
Möchte taugen?
Was für Ohrenklingen
Anfzubringen?
Und was auszuwittern
Wider's Zittern?
Was die Gicht in Fingern
Möchte ringern,
Und was die in Füßen
Auch versüßen?
Was für Gliederreißen
Gut zu heißen?
Was das Lungenkeuchen
Möchte scheuchen?
Wider Magendrücken
Was zu pflücken?
Wider Seitenstechen
Was zu brechen?
Und was abzurupfen
Wider'n Schnupfen?
Woraus Thee zu kochen
Zur Sechs-Wochen?
Nüchtern was zu kauen
Zum Verdauen?
Was sich ließ im stillen
Drehn zu Pillen,
Oder was verbergen
In Latwergen?
Was da zu bestimmen
Zum Bauchkrimmem
Und was zu vereinigen
Zum Blutreinigen?
Was zusammen zu scharren
Zu Katharren?
Als so weit beklommen
Er gekommen,
Sah ich Bäume wanken
Wie die Kranken,
Daß von welken Stielen
Blätter fielen,
Und am Boden klebten
Gleich Recepten.
Als fortfuhr das Mustern,
Ward zu Hustern
Aller Nachtigallen
Liederschallen;
Und die Rosenhecken
All' vor Schrecken
Wurden leichenfarber
Als Rhabarber.

Fest- und Trauerklänge 51

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