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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 3710

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 3710

Liedlein vom Glücke

1.

Ich hört' oft genug,
Das Glück sei auf Reisen.
»Da ist's ja nicht klug
Sich der Ruh' zu befleißen!«

So macht' ich mich auf
In rüstigem Lauf,
Um auch auf den Wegen
Dem Glück zu begegnen.

Ich sah auf den Gängen
Viel Volkes sich drängen,
Viel Lärm und viel Plunder,
Das Glück war nicht drunter.

Und that ich wen fragen:
Wo kann ich's erjagen?
Merkt keiner auf mich,
Sucht's jeder für sich.

Ich kam zu 'ner Brücke:
Verweilt hier das Glücke?
»Es ist hier vor Jahren
Vorüber gefahren.«

Zu 'nem Stadtthor ich trat:
Ist Glück in der Stadt?
»Wir passen hier eben
Ihm Einlaß zu geben.«

Da paßt' ich auch lange,
Da kam es doch nicht:
Bis daß ich zum Gange
Mich wieder gericht.

Und als ich auswandern
Zum einen Thor that,
Zog ein in die Stadt
Das Glück just zum andern.

»Willst länger mit Schnaufen
Ihm auch nicht nachlaufen;
Wer weiss, wenn du's hast
Ob's werth ist der Last.«

Da hab' ich ein Eckchen
Im Wald mir erschaut,
Und mir auf dem Fleckchen
Ein Häusel erbaut.

Ich hab' es erbaut
Mit eigener Haut,
Mit eigener Hand,
Ohn' Glücks Beistand.

Hier, Glück, ist mein Haus.
Mein Bett und mein Schrein;
Willst kommen, kehr' ein,
Willst nicht, so bleib' aus!

2.

Das Glück kam gegangen
Durch Regen und Wind:
Ich bin's dein Verlangen,
Thu' auf geschwind!

Nach dem du geflehet
So lange schon hast;
Vor'm Thore hier stehet
Das Glück als Gast.

Da guckte der Alte
Zum Fenster hinaus,
Und rief aus der Spalte:
»Ich bin nicht zu Haus.

Ich habe mich lange
Mit Schmerz und Begier
Nach deinem Empfange
Gesehnet allhier.

Du solltest mich lösen
Von meiner Qual,
Von meinem erzbösen
Herzehgemahl:

Von deiner Stiefschwester,
Dem Unglück, das
Im Nacken mir fester
Als Kletten saß.

Du konntest mich retten,
Du hast nicht gemocht:
Nun hab' ich die Ketten
Mir selber zerpocht.

Ich ward ihr Bezwinger
Nach schwerem Kampf,
Noch lähmet den Finger
Mir drüber der Krampf.

Ich habe die Klette
Zum Haus 'naus gefegt,
Und mich in mein Bette
Recht breit gelegt.

Soll keine mehr nisteln
An meinem Hals,
Hab' g'nug an den Disteln
Des erstenmals.

Alt bin ich vor Wehen,
Vor Kümmerniß grau;
Kann nicht mehr vorstehen
So rüstiger Frau.

Mach' andre ausfindig
Zu deinem Empfang;
Gut Nacht! Es ist windig,
Was stehst du so lang?«

Fest- und Trauerklänge 38

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