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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 3649

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 3649

Vorahnung zu den Kindertodtenliedern

1.

Jeder Tag, der nichts dir nimmt,
Hat dir wirklich was gegeben.
Wie ein Docht im Wind verglimmt,
Konnt er löschen dir ein Leben.
Für so viele mußt du beben,
Und in Furcht und Sorge schweben;
Fühlest du dich nicht gestimmt,
Jedem Tag zu sagen Dank,
Wo von allen keins ward krank?

Keiner ging mir noch verloren
Derer, die mein Weib geboren;
(Außer einem halbvergess'nen,
Früh verlornen, kaum besess'nen,)
Daß ich immer zagen muß
Vor dem Monatsrechnungsschluß,
Ob der Tod nach Schicksalsordern
Nicht wird seinen Blutzehnt fordern.
Diese Furcht, in der ich habe
Jeden schon gelegt zu Grabe,
Rechne mir der Herr der Welten
An als wirklichen Verlust,
Wenn für Kindesopfer gelten
Kann ein Herz in Vaterbrust.

2.

Mit dem Kirchhof auch vertraut
Hab ich mich gemacht,
Ihn im Frühlicht mir beschaut
Und in Sternennacht.

Von mir weder alt noch jung,
Weder groß noch klein,
Barg in diese Dämmerung
Jetzt noch sein Gebein.

Dennoch, die ihr hier den Reihn
Führt im Mondenglanz,
Laßt mich euch empfohlen sein,
Mich und meinen Kranz!

Wenn von meinem blüh'nden Kranz
Bricht der Tod ein Blatt,
Gebt ihm hier im Mondenglanz
Eine kühle Statt!

Oder soll, wie sich's gebührt,
Ich der erste nahn,
Will ich selber sanft gerührt,
Später sie empfahn:

Ob mir einer Blumenduft
Lebend streu' auf's Grab,
Oder selber in die Gruft
Zu mir steig' hinab!

3.

Glieder, die dir Gott geschenkt,
Dein Gefühl des Daseins zu vermehren;
Uebel ist dein Geist gelenkt,
Will er sich in Sorg' um sie verzehren.

Da du selber deinen Leib
Dem emphiehlst, von dem du ihn empfangen;
Warum willst du um ein Weib
Täglich, und um Kinder stündlich bangen?

Eigner Herd 62

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