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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 349

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 349

Wenn du das Höhere vom Niedern völlig trennst,
Nur jenes wahres Seyn, dis nicht'ge Täuschung nennst,

So wird, emporgerückt, dir jenes fern erblassen,
Und dis, herabgedrückt, dir scheinen gottverlassen:

Du wirst, was dich umgibt, als zu gering verachten,
Als unerreichbar doch das, was dir fehlt, betrachten.

Dann macht die Wirklichkeit, wie du sie mögest schelten,
Ihr Recht auf dein Gefühl nur um so derber gelten;

Und jenes Ideal, wie hoch du's mögest preisen,
Wird als ein Schattenbild unwirksam sich erweisen.

So wird das eine dir durchs andere zunichte,
Und deinem Bilde fehlts am Schatten wie am Lichte.

Drum rath' ich dir, so ganz die zwei nicht zu entzwein;
Ersprießlich ist dir nur von beiden der Verein.

Du siehst, wie jeder Baum zum Sprießen haben muß
Den Wipfel frei im Raum, im Boden fest den Fuß.

Was du im Himmel schaust, das bring zur Erd' heran;
Und was im Grund du baust, laß streben himmelan.

Du magst an einer Frucht wol Kern und Schale trennen,
Doch jeder mußt du Kern und Schale zuerkennen.

Heil dir, wenn sich der Kern dir zum Genusse beut!
Doch ists kein Schade, wenn dich auch die Schal' erfreut.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 2. V. 82

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