L Y R I K
LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 1472

Friedrich Rückert (1788-1866)

[Inhalt] [Anfänge] [Titel] [Zeilen]

Poetische Werke 1472

Oft geh' ich durch die Flur, mein Auge still zu weiden,
Alswie ein Hirt sein Lamm auf überblümten Heiden.

Dann frag' ich mich, was ich die Blumen sonst gefragt,
Und sage mir, was sonst die Blumen mir gesagt.

Von der ich einen Gruß empfangen hab' im Winde,
Ihr Blumen saget mir, wo ich die Liebe finde.

Geh suche nur! sie ist wie Kindes Festbescherung
Von Mutter auf der Flur versteckt in Blumumwehrung.

Neugierig schaut' ich da in alle Blumenwiegen,
Und glaubte sie wie Thau in jedem Kelche liegen.

Und da wo ich sie fand, da stellten sich im Kreise
Die Blumenchöre auf, mit mir zu beten leise.

Die Blumen frag' ich nun: wo ist sie hingekommen?
Und leise sagen sie: den Strom hinabgeschwommen.

So schwimme nur den Strom auch du, o Thrän', hinab,
Und wo du treibst ans Land, dort ist der Liebe Grab.

Dort melde mich der Lieb' und sage: Bald wird kommen
Die müde Sehnsucht auch, und sei hier aufgenommen.

Und wo die Sehnsucht ruht, da stellet euch im Kreise,
Ihr Blumenchöre, auf, und betet ob ihr leise.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 5. XII. 106

◀◀◀ ▶▶▶

OPERONE