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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 1401

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 1401

Du unterscheidest hier Vernunft und dort Verstand,
Und zwischen beiden denkst du eine Scheidewand.

Doch ohne Anstoß an den nur gedachten Schranken,
Her und hinüber gehn die spielenden Gedanken.

So unterscheidest du den Geist auch vom Gemüte,
Wie am Basilikum vom duft'gen Blatt die Blüte.

So unterscheidest du die Seele von dem Leib,
Als seyen beide so getrennt wie Mann und Weib.

Doch wie nicht Mann und Weib getrennt sind im Erkennen,
So kann auch Seel' und Leib nicht die Erkenntnis trennen.

Und das nur macht dein Ich, daß ungetrennt sie sind,
Wie ungetrennt sich Mann und Weib erkennt im Kind.

So unterscheidest du den Gott von der Natur,
Und von den beiden Dich, und Eins die drei sind nur.

Den Vater magst du ihn, und sie die Mutter nennen,
O Kind, doch ungetrennt von beiden dich erkennen.

In deiner Liebe wirst du sie als Eins erkennen,
Mit Liebesnamen unterscheiden und nicht trennen.

Nie laß dir dies Gefühl, es sei dein heil'ger Glauben,
Von Unterschiedenem und Ungeschiednem rauben.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 5. XII. 35

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