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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 1343

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 1343

In meiner Einsamkeit da kann ich ohne Schaden,
Wen ich am liebsten will, bei mir zu Gaste laden, ─

Nicht unverträgliche Gesellschaft so gemischt,
Wie streitende Gericht' auf einmal aufgetischt, ─

Nicht so unleidlicher Gesichter Schofel, Pafel,
Womit die Eßlust mir benimmt die Gastwirthstafel, ─

Nicht Hof- und Staatslivreen, der Uniform Unformen,
Von meinem Ideal enorm abnorme Normen; ─

Die Weisen alter Zeit, die mir vom Ruhm genannten,
Und die in Ländern weit geahnten, unbekannten;

Und alle Lieben mir und Abgeschiedenen;
Wie labt das Mienenspiel mich der Zufriedenen!

Die Unterhaltung kreis't, die nicht in Pausen stockt,
Wie ew'ger Frühlingshauch aus Blüthen Blüthen lockt.

Sie reden nicht, was heut' der Tag zu reden beut,
Sie reden, was das Herz der Ewigkeit erfreut,

Nicht Spekulation und Aktien-Eisenbahn,
Feuerversicherung, Stadtschuldentilgungsplan.

Hoch über Qualm und Koth, irdischem Drang und Noth,
Am Himmel geht ein Weg durch Morgenabendroth.

Und wann ich zugelauscht, und mit darein getauscht
Ein Wörtchen, schweig' ich satt von Duft und wohlberauscht.

Und wie ich winke, gehn beiseit die frommen Schäfchen,
Und geben gerne Raum mir für ein Mittagschläfchen.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 4. XI. 60

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