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LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 1288

Friedrich Rückert (1788-1866)

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Poetische Werke 1288

Der Tod ein Schauder und Entsetzen der Natur,
Dem Anblick fürchterlich, hold dem Gedanken nur.

Süß ist Gestorbensein, und bitter nicht ist Sterben,
Doch Sterbensehen ist der Lebenslust Verderben.

Und um wie höher steht schon auf der Stufenleiter
Ein Leben, um so mehr sind widerlich die Scheiter.

Der Stein, lebendigtodt, ist drum sich immer gleich,
Ihn macht der Tod nicht kalt, ihn macht der Tod nicht bleich.

Die Blum' auch welket zwar, vom Stengel abgepflückt,
Doch ist die welke noch mit Farb' und Duft geschmückt.

Und jene Blüthe, die an keinem Stiel darf rasten,
Der Schmetterling ist schön noch in des Sammlers Kasten.

Der Vogel, dem das Herz nicht unter'm Flaum mehr klopft,
Und steif den Fittig hängt, ist artig ausgestopft.

Die größern Thiere, die nächst an den Menschen reichen,
Sind widerwärtiger, je größer ihre Leichen.

Doch nur den Menschen, weil er ist des Lebens Krone,
Macht völlig schauderhaft das Leben, das entfloh'ne.

Darum verhüllte, den der Freunde Dolch erstach,
Sein Haupt vor'm Himmelsaug', eh' ihm das Auge brach.

Wie auf Naturgeheiß die Thier' auch, wenn sie siechen
Am letzten Weh, in Schlüft' und Höhlen sich verkriechen.

Und ein mit Schönheitsinn begabtes Volk bedeckt
Den Sarg mit Blumen, daß sein Anblick minder schreckt,

Nachahmend der Natur, die, überall erfüllt
Von Gräbern, jedes Grab in Blumenteppich hüllt.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 4. XI. 5

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