L Y R I K
LYRIK Friedrich Rückert - Poetische Werke 126

Friedrich Rückert (1788-1866)

[Inhalt] [Anfänge] [Titel] [Zeilen]

Poetische Werke 126

Der Schöpfung Mittelpunkt wenn diese Erde wäre,
Nicht nebenaus am Rand der Sfären eine Sfäre,

So hätte Menschenwitz ein Recht, beklommener
Zu fragen, warum sie nicht sei vollkommener.

So aber hat er nur Ursache, sie zu fragen,
Wieviel der Winkel kann von heller Mitte sagen.

In Mitten steht ein Licht hoch auf dem Tisch im Zimmer,
Und füllt den ganzen Raum, doch mit ungleichem Schimmer.

Ein Spiegel wirft den Glanz dem andern Spiegel zu,
Der wieder andern, und vorm letzten stehest du.

Du siehst gedämpft genug das Licht, daß dichs nicht blende,
Und hell genug, daß dich zum Lichtquell Sehnsucht wende.

Im Winkel warte nur geduldig, bis die Augen
Dir, einzutreten in den Glanz der Mitte, taugen.

Wie schonend Mondlicht sanft um Eulenblödheit fließt,
Bis sich ein Adlerblick der Sonne kühn erschließt.

Ein blasser Mond, o Erd', ist deine Mittagssonne,
Die nur mit Sehnsucht füllt, nicht selbst ist volle Wonne.

Die Sonn' im Wolkenflor webt einen Regenbogen;
Wie rein ist der Akkord des Farbenspiels gezogen!

Der Bogen aber spielt in einem zweiten dann,
Worin der bunte Schmelz in mattes Grau zerrann.

Der Regenbogen nicht, vom Regenbogen nur
Bist du der Nebenglanz, die halberloschne Spur.

O Mensch, in des Gemüth sich Lieb' und Hochmuth gatten,
Du bist zwar Licht vom Licht, doch Schatten nur vom Schatten.

Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 1. II. 42

◀◀◀ ▶▶▶

OPERONE