Deutsche Lyrik des späten Mittelalters

GOTTFRIED VON NEIFEN

Ich hœr aber die vogel singen

I Ich hœr aber die vogel singen,
in dem walde suoze erklingen.
dringen siht man bluomen durch daz gras.
Was diu sumerwunne in leide,
nû hât aber diu liebe beide5
beide bluomen unde rôsen rôt.
Meie kumt mit manger bluot.
tuot mir wol diu minnenclîche,
seht, sô wirde ich fröide rîche,
sunder nôt vil maniger sorgen frî.10

II Gunde mir diu sældebære,
daz ir trôst mir fröide bære,
swære wolde ich sender siecher lân.
Hân ich trôst, der ist doch kleine,
strœste mich alleine.5
reine sælic wîp, nu trœstet baz!
Minne, hilf, ez ist an der zît!
sît mîn trôst lît an der süezen,
sô mac si mir swære büezen.
nû durch waz tuot si mir alse wê?10

III Ob ir rôter munt mir gunde,
daz sîn kus die nôt enbunde,
wunde von der minne wurde heil.
Heil, gelücke, sælde und êre
het ich sender iemer mêre.5
hêre sælic wîp, nu trœstet baz!
Owê, süezer rôter munt,
wunt wart ich von dînen schulden,
do ich der lieben muoste hulden.
⌈leit sint daz,⌉ diu mich noch machent grâ.10

IV Wunder kanst du, süeziu Minne.
Minne, in dîner glüete ich brinne.
sinne, herze, muot hast dû mir hin.
In mîn herze sunder lougen
sach ein wîp mit spilnden ougen5
tougen. dannoch was gemeit mîn lîp.
Herzen trût, nu tuot sô wol:
sol ich sender frô belîben,
sô sult ir von mir vertrîben,
sælic wîp, die nôt, sô wirde ich frô.10

V Wie zimt nu der süezen hêren,
daz si mich kan trûren lêren?
mêren möhte si wol fröide mir.
Ir vil minneclîchez lachen
kan mir sendez trûren swachen.5
machen möhte si mich sorgen bar.
Owê, süezer rôter munt,
wunt bin ich an hôchgemüete.
rôter munt, dur dîne güete
nû sprich dar! ⌈mîn bete wol weistû.⌉10

Lop von mangen zungen

Lop von mangen zungen
wart dem meien hiure gesungen
von den voglin dur den grüenen walt.
Die hât nu betwungen
unde jæmerlîch verdrungen5
rîfe, snê, dar zuo der winter kalt.
Des vil manic herze trûric stât.
dar zuo trûret ouch daz mîne
nâch dem fröidebernden schîne,
der von ir vil rôtem munde gât.10

II Mir was fröide entsprungen.
leider nu ist mir niht gelungen
an der lieben, diu mîn hât gewalt.
Wær mîn sanc erklungen
ir, sô müeste ich wider jungen.5
sust bin ich in sorgen worden alt.
Frouwe Minne, gip mir dînen rât,
ald ich lebe in sendem pîne.
frouwe, ûf die genâde dîne
diene ich dir, swiez mir dar umbe ergât.10

III Ich hân mîne stunde
vil gerungen nâch dem munde,
der sô lieplich ist, durliuhtic rôt.
Daz mir nie enkunde
werden heil mîs herzen wunde,5
dâ von lîde ich senden sende nôt.
Minne, sich, du lâst mich trûric gân.
trôst, der sælden übergulde,
frouwe, gebt mir iuwer hulde,
wan ez muoz doch an iu eine stân.10

IV Ob ir trôst mir gunde,
daz ein kus die nôt enbunde,
die diu herzeliebe mir gebôt,
Und sich underwunde
lieb und dar an niht erwunde,5
sô geschiede ich noch von sender nôt,
Die ich von der herzelieben hân
gar ân alle mîne schulde.
frouwe, sende nôt ich dulde.
nu dur got, waz hân ich iu getân?

Sælic sælic sî diu wunne

I Sælic sælic sî diu wunne,
sælic sî des wunnebernden meien zît,
Sælic sî der vogel singen,
sælic sî diu ouwe, sælic sî der walt!
Man siht bluomen manicvalt5
durch daz grüene gras ûf dringen,
mêr dann ich erdenken kunne.
tanzen, springen suln die jungen widerstrît.

II Nieman nieman kan erdenken,
waz für senelîchez trûren bezzer sî
Dann ein kus von rôtem munde
und dar zuo ein minneclîcher umbevanc.
Dâ wirt sendez trûren kranc,5
ez fröit ûf von herzen grunde.
ermel flehten, bein verschrenken ─
in der stunde wirt diu liebe sorgen frî.

III Wâfen wâfen über die Minne!
wâfen wil ich über sî schrîen iemer mê.
Ich was ir dâ her gebunden,
nû lât si mich trûreclîche von ir gân.
Si hât übel an mir getân.5
si muoz nû eim andern wunden
herze, muot und al die sinne.
wol befunden hân ich, daz si tuot sô wê.

IV Frouwe, frouwe, sælic frouwe,
herzen trût, ir sît mir liep für elliu wîp.
Des ich selten hân genozzen.
dâ von ich niht mêre fürbaz singen wil,
Ez dûhte iuch vil gar ein spil.5
iu hât dicke mîn verdrozzen,
des ich mich vil trûric schouwe.
vor beslozzen ist mir fröide und iuwer lîp.

V

Inhalt home