Ludwig Bechstein - Die deutschen Dichter

Singe, wem Gesang gegeben!
Hat ein Sängermund gesprochen,
Aber schon vor tausend Jahren,
Sprach der Weltgeist gleiches Wort;
Und ein blüh'ndes Liedesleben
Ist in Deutschland angebrochen;
Gottes Geist zu offenbaren,
Ward Gesang des Volkes Hort.

Früh im Zeitenmorgen klangen
Lieder schon zu Gottes Preise;
In der Heidennächte Grauen
Fiel das laut're Licht des Herrn.
Und die Minnesinger sangen
Wonnereiche süße Weise.
Glorreich über Deutschlands Gauen
Stand der Hohenstaufen Stern.

Und in Andacht ist, im lieben,
Eine Jungfrau keusch erblühend,
Unter Dornen eine Rose,
Zwischen Nachtgewölk ein Strahl -
Deutsche Poesie geblieben,
Und es hob die Rose blühend
Ihren Kelch im Sturmgetose
Ueber manchem Heldenmal.

Blicket an den Sängerreigen,
Namen hohen Klanges tönen
In der Schaar, und Führer wallen,
Bannerträger, stolz im Zug.
Kannst du gleiche Zahl uns zeigen,
Fremdland, unter Deinen Söhnen?
Zeige sie - in unsern Hallen
Stehen Namen noch genug.

Jene Schaar, die tief im Herzen
Birgt der Dichtkunst Zauberblüthe,
Doch die göttlichhohen Keime
Tief im innern still verschließt;
Die des Dichters Lust und Schmerzen
Fühlt lebendig im Gemüthe,
Doch ihr fühlen nicht in Reime
Nicht in Wohllautformen gießt.

Frauenseelen, unermess'ne,
Die mit heil'gem Drang gedichtet,
Ohne daß ihr geist'ges blühen
Je zum Licht des Tages trat;
Und die Doppelzahl - Vergessne,
Die nicht hoch den Flug gerichtet;
Ach, und durch zu heißes glühen
Hingewelkte junge Saat. -

Deutschland, liebe deine Söhne!
Vaterland, geliebtes, holdes,
Dich nur gottbegeisterungtrunken,
Würdig feiern sollen sie.
Und ihr Lohn? - die stille Thräne,
Nicht den eiteln Klang des Goldes,
Nicht der Ordenssterne prunken -
Liebe, Liebe wollen sie.

Inhalt operone