Lyrik

Ballade, Elegie, Epigramm, Ghasel, Haiku, Hymne, Lied, Ode, Ritornell, Sonett, Villanelle
Anagramm, Lipogramm, Palindrom, Akrostichon, Bildreihengedicht, Rollengedicht

SPRUCHLEXIKON 1

A
Ich bin das A und das O.
Im griechischen Alphabet ist der letzte Buchstabe das O = Omega. Offenb. Joh., K. 1, V. 8.

A
Noch im großen A sein (noch im Anfange sein).
Sprichwörtl. Redensart.

A
Von A bis Z (von Anfang bis zu Ende).
Sprichwörtl. Redensart.

A-B-C
So fahret fort zu dichten,
Euch nach der Welt zu richten.
Bedenkt in Wohl und Weh
Dies goldne A-B-C.

Joh. Wolfg. von Goethe. Claudine von Villa Bella A I,Wohnung im Gebirge / Rugantino Vs 399f. 6,1027

Aar
Die Aare kümmern sich nicht um Fliegen.
Lat.: Aquilae nesciunt muscas. Wahlspr. d. Ompteba.

Aas
Wo ein Aas ist, da sammeln sich die Adler.
Matth., K. 24, V. 28.

Abbitte
Abbitte ist die beste Buße.
Sprichwort.

Abblitzen
Jemanden abblitzen lassen.
Jemandem kein Gehör schenken, ihm etwas versagen, ihn kurz abfertigen; - der Blitz erreicht sein Ziel nicht, wenn er vom Blitzableiter abgelenkt wird). Sprichwörtl. Redensart.

Abderitenstreiche
Abderitenstreiche tun.
Törichtes, dummes Zeug tun; - die Bewohner Abderas in Thrazien waren ihrer Dummheit wegen bekannt; vergleiche Lucian (um 150), Wie man Geschichte Schreiben muß, ebenso Christoph Martin Wieland, Abderiten (1774), wodurch diese Redens allbekannt geworden ist). Sprichwörtl. Redensart.

Abend
Du weißt noch nicht, was der späte Abend bringt.
Lat.: Nescis, quid vesper serus vehat. Marc. Terentius Varro (um 116-27 v. Chr.), Titel einer Schrift. Nach Aul. Gellius (um 125-175), Attische Nächte. B. 1, K. 22, § 4. Übers. v. Grau.

Abend
Es ist noch nicht aller Tage Abend.
Lat: Nondum omnium dierum solem occidisse. Tit. Livius (um 59 v. Chr. - 17 n. Chr.), Römische Gesch. Übers. v. Ostertag. B. 39, K. 26, § 9. Sprichwort.

Abend
Komm', stiller Abend, nieder!
Georg Karl Claudius, Abendlied (ged. 1780). Mel. v. Verfasser.

Abend
Willkommen, o seliger Abend,
Dem Herzen, das froh dich genießt!

Fritz von Ludwig, Gedichte. D. Maiabend (vor 1795). Mel. v. Wilh. Gottl. Becker (1799).

Abend
Ein guter Abend kommt heran,
Wenn ich dem den ganzen Tag getan.

Joh. Wolfg. von Goethe, Werke (1827-1830). Gedichte. Epigrammatisch. Lebensgenuß.

Abend
Abend wird es wieder:
Über Wald und Feld
Säuselt Frieden nieder,
Und es ruht die Welt.

Aug. Heinr. Hoffmann von Fallersleben, Lyrische Gedichte. Nr. 1. Dichterleben. Jugend- u. Mannesjahre. Abendlied (ged. 17. April 1837). Mel. v. Friedr. Aug. Jakob (1845) u. Karl Groos (1848).

Abend
All Abend, bevor ich zur Ruhe geh'?
Verfasser unbek. (vor 1840). Mel. d. Frz. Abt.

Abend
O, wie wohl ist mir am Abend,
Wenn zur Ruh' die Glocke läutet.

Bek. Kanon v. Karl Schulz (1784-1850).

Abend
Je später der Abend, je schöner die Leute.
Sprichwort.

Abend
Es ist no' all Tag Obed (Abend) worde.
Alpenländer. Sprichwort.

Abend
Herr, bleib' bei mir, es will Abend werden.
Nach Luk., K. 24, V. 29. - Spr. an einem Wirtshaus am Wege nach Feldbach bei Graz. Sprichwörtl. Redensart.

Abend
Ein guter Abend kommt heran,
Wenn ich den ganzen Tag getan.

Joh. Wolfg. von Goethe. Lebensgenuß 1,562

Abendmahl
Laß mich durch diß Seelen-Essen (das Abendmahl)
Deine Liebe recht ermessen,
Daß ich auch, wie itzt auf Erden,
Mag dein Gast im Himmel werden.

Joh. Frank, Geistl. Sion (1674). Vorbereitung zum hl. Abendmahl. Schlußv.

Abendmahl
Das Abendmahl auf etwas nehmen können.
Bei der Beteuerung, daß etwas wahr ist, oder daß etwas sicher eintreffen wird; - stammt von den Gottesurteilen des Mittelalters her: konnte jemand eine geweihte Hostie hinunterschlucken, so war er unschuldig. Sprichwörtl. Redensart.

Abendmahl
Ein solches Sakrament [wie das Abendmahl] dürfte aber nicht allein stehen; kein Christ kann es mit wahrer Freude, wozu es gegeben ist, genießen, wenn nicht der symbolische oder sakramentalische Sinn in ihm genährt ist.
Joh. Wolfg. von Goethe. Dichtung und Wahrheit II,7 10,318

Abendmahl
In dem Abendmahle sollen die irdischen Lippen ein göttliches Wesen verkörpert empfangen und unter der Form irdischer Nahrung einer himmlischen teilhaftig werden.
Joh. Wolfg. von Goethe. Dichtung und Wahrheit II,7 10,318

Abendmahl
Und so ist sein [Christi] Wandel für den edlen Teil der Menschheit noch belehrender und fruchtbarer als sein Tod: denn zu jenen Prüfungen ist jeder, zu diesen sind nur wenige berufen; und damit wir alles übergehen, was aus dieser Betrachtung folgt, so betrachtet die rührende Szene des Abendmahls. Hier läßt der Weise, wie immer, die Seinigen ganz eigentlich verwaist zurück, und indem er für die Guten besorgt ist, füttert er zugleich mit ihnen einen Verräter, der ihn und die Bessern zu Grunde richten wird.
Joh. Wolfg. von Goethe. Wanderjahre II,2 8,178

Abendsonne
Goldne Abendsonne,
O, wie bist du schön!

Anna Barbara Urner, An d. Abendsonne (ged. Aug. 1788). Mel. v. Hans Georg Nägeli (komp. 1815).

Abendstern
O du mein holder Abendstern.
Wilh. Richard Wagner, Tannhäuser. (Erste Auff. am 19. Okt. 1845 in Dresden.)

Abendstern
Dämmrung senkte sich von oben,
Schon ist alle Nähe fern;
Doch zuerst emporgehoben
Holden Lichts der Abendstern!

Joh. Wolfg. von Goethe. Chinesisch-Deutsche Jahres- und Tageszeiten VIII 2,53

Abenteuer
...und die Überzeugung, daß kleine gemeinschaftliche Abenteuer, so wie sie neue Bekanntschaften schneller knüpfen, auch den alten günstig sind, wenn sie nach einigem Zwischenraum wieder erneut werden sollen...
Joh. Wolfg. von Goethe. An Schiller, 14.10.1797 20,438

abenteuerlich
Die Zeit ist vorüber, wo man abenteuerlich in die weite Welt rannte; durch die Bemühungen wissenschaftlicher, weislich beschreibender, künstlerisch nachbildender Weltumreiser sind wir überall bekannt genug, daß wir ungefähr wissen, was zu erwarten sei.
Joh. Wolfg. von Goethe. Wanderjahre III,9 8,419

Aber
Still mit dem Aber! Die Aber kosten Überlegung.
Gotthold Ephr. Lessing, Emilia Galotti (1772). A. 4, Sz. 3 (Orsina).

Aber
Aber, ein ungeschlachter Schlagbaum vor dem Tore der Erwartung.
Ludw. Bechstein, Arabesten (1832).

Aber
Aber, Wenn und Gar
Sind des Teufels War'.

Sprichwort.

Aber
Es ist kein Mensch ohne ein Aber.
Sprichwort.

Aber
Es ist ein Aber dabei.
Es liegt noch ein Hindernis vor, eine Bedingung, Schwierigkeit usw.; der Nachsatz mit Aber leitet gewöhnlich eine Beschränkung des Vordersatzes ein. Sprichwörtl. Redensart.

Aberglaube
Dringt durch des Aberglaubens Nacht,
Die euch zu finstern Köpfen macht.

Christ. Fürchtegott Gellert, Fab. u. Erz. (1746). B. 2. D. Freigeist.

Aberglaube
Vernichten wir den Elenden (den Aberglauben).
Franz.: Écrasons l'infâme. Voltaire (François Marie Arouet), Br.(1759-1768). Übers. v. Mylius. An verschiedene Personen.

Aberglaube
Der Aberglaube trauet den Sinnen bald zu viel, bald zu wenig.
Gotthold Ephr. Lessing, Sämtl. Schriften. Theologische Streitschriften (1777). D. Testament Joh.

Aberglaube
Der Aberglaub', in dem wir aufgewachsen,
Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum
Doch seine Macht nicht über uns. - Es sind
Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.

Gotthold Ephr. Lessing, Nathan d. Weise (1779). A. 4, Sz. 4 (Tempelherr).

Aberglaube
Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen
Für den erträglichern zu halten.

Gotthold Ephr. Lessing, Nathan d. Weise (1779). A. 4, Sz. 4 (Tempelherr).

Aberglaube
Der Aberglaube ist ein Kind ber Furcht, der Schwachheit und der Unwissenheit.
Friedr. d. Große, Sämtl. Werke (1789).

Aberglaube
Dem Aberglauben wachsen die Federn, der Zufall mag ihm dienen oder schaden.
Jean Paul (Friedr. Richter), Leben Quint. Fixlein (1796).

Aberglaube
Der Aberglauben macht die Gottheit zum Götzen, und der Götzendiener ist um so gefährlicher, weil er ein Schwärmer ist.
Joh. Gottfr. von Herder u. Liebeskind, Palmblätter (1787-1800). T. 4, Erz. 1.

Aberglaube
Der Aberglaube ist das ungeheure, fast hilflose Gefühl, womit der stille Geist gleichsam in der wilden Riesenmühle des Weltalls betäubt steht und einsam.
Jean Paul (Friedr. Richter), Vorschule d. Ästhetik (1804).

Aberglaube
Der Aberglaube gemeiner Leute rührt von ihrem frühen und allzu eifrigen Unterricht in der Religion her.
Georg Christoph Lichtenberg, Verm. Schriften (1800-1806). Bd. 1, Nr. 3. Bemerk. verm. Inhalts. Nr.11. Allerhand.

Aberglaube
Stets liegt, wo das Banner der Wahrheit wallt,
Der Aberglauben im Hinterhalt.

Karl Aug. Georg Max Graf von Platen-Hallernund, D. neuen Propheten (ged. 1817). (D. Nationale).

Aberglaube
Der Aberglaube gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn er einigermaßen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt.
Joh. Wolfg. von Goethe, Werke (1827-1830). Maximen u. Reflexionen. Abteilung 1.

Aberglaube
Der Aberglaube ist die Poesie des Lebens; deswegen schadet's dem Dichter nicht, abergläubisch zu sein.
Joh. Wolfg. von Goethe, Werke (1827-1830). Maximen u. Reflexionen. Abteilung 3.

Aberglaube
Es ist schon viel mit der guten Vorbedeutung gewonnen, und der Aberglaube selbst ist nützlich, wenn er im Vertrauen bestärkt.
Karl Wilh. Freiherr von Humboldt, Br. an eine Freundin (Febr. 1835).


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