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LYRIK Nikolaus Lenau - Poetische Werke 312

Nikolaus Lenau (1802-1850)

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Poetische Werke 312

Mit unaufgeblühten Blumen

Der Frühling ist gekommen,
Er zieht durch sein Revier,
Du hast es nicht vernommen
Im Krankenzimmer hier,

Wie er durch seine Strahlen
Den Winter ganz vertrieb,
Daß ihm in Berg und Talen
Nicht eine Stätte blieb,

Wie er den Grund erschlossen
Und alle Keime weckt,
Daß man ein lustig Sprossen
Schon überall entdeckt.

Doch um dir zu ersetzen,
Was unterdes dahin,
Schickt er, dein Äug zu letzen,
Dir dieses frische Grün.

Er schickt dir diese Pflanzen,
Daß sie dir ungefähr
Anzeigten, wie's im ganzen
Nun aussieht rings umher.

Zwar sind noch leider offen
Die schönen Blüten nicht,
Doch steht es wohl zu hoffen,
Daß bald die Knospe bricht.

So hoff ich, daß dein Leben
Die Krankheit brech entzwei,
Daß es in regem Streben
Erblühe frisch und neu,

Und hoff, wenn aufgegangen
Der Kelch der Blumen ganz,
So sollest wieder prangen
Auch du im Blumenglanz.

Doch aller Schein der Sonnen,
Der Blüten schönstes Rot
Und alle Frühlingswonnen
Sind für uns hin und tot,

Wenn Gott, der gnadenreiche,
Dies eine nicht erteilt,
Daß er von schwerer Seuche
Die liebe Mutter heilt.

Drum wünsch ich dir dies eine
Nur zum Geburtstag heut,
Daß bald ihr im Vereine
Frisch und genesen seid.

Sechstes Buch 28 Ausfahrt 3

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