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LYRIK Arno Holz - Poetische Werke 398

Arno Holz (1863-1929)

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Poetische Werke 398

Er stellt sich den lezzten Gerichts- und Doten-Dag für.

Ode Jambo-Trochaica.

So schön war noch kein Tag:
Marieen-Würmgens fliegen /
itzt kan wer will und mag
in nichts wie Bluhmen ligen.
Der Himmel gläntzt gantz blau /
vom Wald her blühn die Linden /
Flora / die süsse Frau /
lässt sich fast nakkligt finden.
Kaum ümbflohrt von zahrten Bändern /
siht man sie am Bach-Rand schländern /
wo sie sich des öfftern bükkt
und Vergißmeinnichtgens pflükkt.

Die Zeit lacht alles an.
Die glatten Fischgens jappen /
Cupido / der Tirann /
kan kaum noch Othem schnappen.
Sein Köcher hängkt verruttscht /
die Brunnen Silber sprizzen /
ein Zikklein zulpt und zuttscht
an seiner Mutter Zizzen.
Zwischen weiß-bewollten Schaffen
sind gar Zweene eingeschlaffen /
unter einem Mandel-Baum
äfft sie ein verfalschter Traum. –

Wächst dort ein Wölckgen groß?
glüzzt nicht sein Rand metallen?
Ein Rukk / ein Dampff / ein Stoß /
die Erde birst mit Knallen!
Rauch / Qwalm und Schwefel-Stanck
füllt plotz die schwartzen Lüffte /
der Hellen-Riegel sprangk /
uhroffen stehn die Grüffte!
In ihr grässliches Erstaunen
blahsen schüttrend die Posaunen:
Holla auff zum Haltz-Gericht /
wo der Herr sein Urthel spricht!

Für Grauen störtz ich hin:
Mulm / Modder / Wuhst und Särge!
Ich weiß nicht / wo ich bin /
das Hahr steht mir zu Berge!
Der Mohnd schwimmt wie auß Bluht /
die Welt-Gewässer brausen /
ob er erzörnten Fluht
siht man Komehten sausen!
Aller Enden / aller Ekken /
Rüppen / Beiner / Scheddel blekken /
auffgeschrekkt von seinem Schmauß /
ringelt sich ein Ottern-Grauß!

Der sucht nach seinem Schopff /
dem fehlt noch blohß der Daumen /
ein abgefleischter Kopff
käut Vipern mit den Gaumen.
Die dausend Jahre dodt /
die gestern erst verblichen /
sind wihder fast wie roht /
nichts prangt schon ausgestrichen.
Dihser gläntzt gantz jung an Jahren /
wie er einst dahin-gefahren /
jener stinckt durch sein Gesäß /
wie ein alter Zihgen-Käß!

Die dorr im Wüsten-Brand
verhaucht ihr lezztes Lallen /
die hoch vom Felsen-Rand
sich tieff zu Thal verfallen /
die einst die See verschlukkt /
die Heclas Schlund gefrässen /
die gantz und gar zerstukkt /
nicht einer ward vergässen!
Ümb ihr aufferwekktes Ringen
Heytex sich und Ratten schlingen /
jädes stöhnt auß seyner Noht:
Dhu mir nichts / Herr Tsebaoth!

Ihr dort im Marter-Pfuhl /
die Schrifft hat nicht gelogen!
Auß Demant steht Sein Stuhl
auff einem Regen-Bogen!
Ümb Ihn / wie Sand am Meer /
die Frommen froh gemuhtet /
noch stäkkt in Ihm der Speer /
die Dornen-Krohne bluhtet!
Er / ümb den sich die Planeten
wie die Würbel-Winde drehten /
Qwal-voll zukkt Sein süsser Mund –
Judas / du verfluchter Hund!

Die lezzte Trompte trompt /
die Lufft durchstösst ihr Rufen:
»Kombt alle / kombt / kombt / kombt /
ruttscht-an die steile Stufen!
Nichts nizzt mehr kein Gekreisch /
nichts hilfft kein Handzerwringen /
da sämbtlich alles Fleisch
muß auß den Gräbern springen!
Keines Schultren / keines Haxen
fäulen mehr mit Graß bewachsen /
drümb so dröhnt mein Tuba-Thon /
euer Richter wartet schon!

So schwärmt kein Bihnen-Schwarm
und wan sich hundret mischten /
wie itzt auff den Alarm
die frembde Völcker gischten.
Hihr gährt waß Indjen spieh /
dort wimmeln Malabaren /
die dort sah Potosi /
wer kännt / wer zählt die Schaaren?
Die in Griechenland verblassten /
die in Rom und Susa prassten /
alles drängt sich rund rümb lang
ümb die große Rechen-Banck!

O Forcht / du nichts wie Forcht /
du rächendes Gewissen /
wer nie nach dir gehorcht /
itzt ächtzt er hin-geschmissen!
Er weiß: der Alles wigt /
wigt auch das kleinste Qwintgen!
Von seiner Wage fligt
kein Splittergen / kein Splintgen!
Rächts-her wehn Violdigammen /
lincks-her bläueln schon die Flammen /
alles schlattert / jedes fühlt /
wie in ihm der Angst-Wurm wühlt!

He / faule Fillis / auff!
Entzeuch dich deinem Bette!
Dort / stell dich in den Hauff /
zu Doris und Babette!
Däkk deine Brüste blohß!
Zeig deine Kugel-Waden!
In die Zinober-Schooß /
versuchs doch ihn zu laden!
Durch kein listiges Versprechen
wirstu Luder ihn bestechen!
Dihsem klingt nicht mehr amön
dein verbuhltes Lust-Gestöhn!

Stax / du versoffnes Loch /
dein Seiger hat geschlagen!
Stopffstu im Wein-Hauß noch
dir deinen Schwartenmagen?
Narrant und Selimor /
Cornutus und Musander /
das gantze freche Corps
kläbt fäst noch bey-einander!
Sylvius sucht durch lautes Fluchen
ihr Gebrüll zu überjuchen /
biß ihn jach der Teuffel pakkt /
rittsch und ihm das Rükk-Grad knakkt!

Auff Knyen lihg ich do.
Ich Wurm / ich arme Made!
Mir ist so durchauß froh /
schon rührt mich nichts alß Gnade!
Wordrauff ich fäst verträut
die gantze bittre Jahre:
mein Geist hat sich verneut /
mein Leib drukkt keine Bahre!
Eines Stimme hör ich sprechen /
daß mir fast die Sinne brechen:
Komm und sizz auff dihsen Thron /
Dafnis / mein verlohrner Sohn!

O allzu großer Gott!
Nun ist mein Herz genesen!
Nun spühr ich sonder Spott
Dein aller-tieffstes Wesen!
Waß vor mich so beschwehrt /
Dein Grimm / Dein Gifft / Dein Wühten /
im Huy hat sichs verkehrt
in lautter Rohsen-Blühten!
For mein Kämpffen / for mein Ringen /
darff ich Dir itzt Palmen schwingen /
der ich bey den Säuen saß
und fast nichts wie Träber fraß!

Dein Groll auff mich zerschwand.
O Wunder aller Wunder!
Der Welt ihr eytler Tand
fiel von mir wie auß Zunder!
Mein Leib lacht leuchtend weiß /
die süssen Serafinen /
die Heiligen im Kreiß
bemühn sich / mir zu dienen.
Eins mit Sokrates und Plato /
lausch ich / wie der saure Cato
qwer durch alle Ewigkeit
Gloria / Gloria / Gloria schreyt!

Dafnis 75 Angehänckte Auffrichtige und Reue-mühtige Buß-Thränen 7

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