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LYRIK Arno Holz - Poetische Werke 35

Arno Holz (1863-1929)

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Poetische Werke 35

Weltgeschichte

Sicherlich die bedeutsamste Errungenschaft jener neuen Anschauung der Dinge, die auch das Leben und seine Entwickelung unter der Herrschaft der allgemeinen Naturgesetze betrachtet, bildet die Reklamation des Menschen als unzertrennlichen Bestandtheil der Natur und als Gegenstand der Forschung in seinen Beziehungen zu derselben. Wie einst die Erde durch Copernikus aus dem geträumten Mittelpunkt der Welt hinausgeschleudert wurde, so fand sich nunmehr der Mensch selbst, der bisher ausserhalb und über der Natur zu stehen schien, mitten in dieselbe hineingezogen, als ein Glied der grossen Kette der Wesen anerkannt, und damit seiner Ausnahmsstellung mit einem Schlage enthoben. Aber wir dürfen behaupten, dass ihm mit dieser endlichen Anerkennung seiner Erdenbürgerschaft auch nicht ein Titelchen seiner Würden, nicht der kleinste Strahl seines Glorienscheins geraubt worden ist. Im Gegentheil, erst jetzt, nachdem er erkennen konnte, aus wie tiefen Anfängen sich sein Geschlecht emporringen musste, wird er seine Würde mit dem vollen Bewusstsein, wirklich das oberste Glied und die Krone der Schöpfung darzustellen, tragen.
Carus Sterne

Heimlich durchwandert die Nacht den Tann,
Duftend im Vollmond schwanken die Gräser;
Alles schläft! Nur ein steinalter Mann
Putzt sich geschäftig die Brillengläser.
Nimmt sich ein Prieschen und sagt: Hätschi!
Ich bin der achte der sieben Weisen!
Ach, und er merkt es nicht einmal, wie
Ueber ihm leuchtend die Sterne kreisen!

Sehnsüchtig harft durch die Zweige der Wind,
Blüthen erschliessen sich, Knospen schwellen;
Alles still! Nur der Nachtthau rinnt
Und von den Bergen her rauschen die Quellen.
Raune nur traumhaft, Du dunkle Natur,
Raune das Räthsel der Elemente,
Hat doch der alte Graukopf nur
Sinn für Bücher und Pergamente!

Wenn er nur schnüffeln und büffeln kann,
Mag dreist dies Sonnensystem erkalten;
Ihm ist's schon recht, denn was geht es ihn an,
Dass sich die Welten wie Blumen entfalten?
Festgeleimt an den Stuhl das Gesäss,
Fängt er sich Grillen und mästet sich Motten,
Hüstelt und schreibt gelehrte Essays
Ueber Assyrer und Hottentotten.

Tintenfässer bilden Spalier,
Goldstreusand und Radiermesser blinken,
Ganze Ballen von Schreibpapier
Liegen bekritzelt ihm schon zur Linken.
Säuberlich hat er drin aufnotirt
Jede Schlacht und jedes Gemetzel,
Neben Napoleon figurirt
Kaiser Tiber und der Hunnenchah Etzel

Ekelerregend mit jedem Band
Schwillt das Gemengsel von Blut, Fleisch und Knochen;
Leute wie Sokrates, Shakesspeare und Kant
Werden nur so nebenbei besprochen.
Weltharmonie und Sphärenmusik
Können ihm vollends gestohlen bleiben;
Interessanter ist schon die Rubrik,
Wie sich die Kaiser von China entleiben!

Also sitzt er und schmiert und schmiert
Todte Zahlen und trockne Berichte,
Bis er dann endlich »Schluss« drunter kliert
Und auf das Titelblatt: »Weltgeschichte«.
Weltgeschichte! O blutiger Hohn!
Uralter Hymnus auf die Bornirtheit!
Wann, o wann kommt des Menschen Sohn,
Der Dich erlöst aus Deiner Verthiertheit?

Immer noch brütet die alte Nacht
Grauenvoll über den Völkern der Erde,
Aber schon seh ich rothlodernd entfacht
Flammen des Geistes auf ewigem Herde,
Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit
Jubelt die neugeborene Trias!
Freu Dich, mein Herz, denn die goldene Zeit
Dämmert und predigen wird der Messias:

Lebt in Frieden und baut euer Zelt,
Viel, ach, müsst ihr noch lehren und lernen;
Ein Herz schlägt durch die ganze Welt,
Ein Geist fluthet von Sternen zu Sternen.
Ruft drum als Loosung von Land zu Land:
Eins sei die Menschheit von Zone zu Zone
Erst wenn sie staunend sich selbst erkannt,
Dann erst ist sie der Schöpfung Krone!

Buch der Zeit 35

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