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LYRIK Arno Holz - Poetische Werke 31

Arno Holz (1863-1929)

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Poetische Werke 31

Und wieder hieb,
Taub für den Wahnwunsch,
Den tausendfältigen
Ihres Geschlechts,
Unbarmherzig
Mit eherner Schneide
Die Zeit in ihr Kerbholz:
Wieder ein Tag!
Und wieder nun wandelt,
Fröhlich wie immer,
Singend der Abend
Durch das Goldthor des Westens
Den hängenden Gärten
Der sinkenden Sonne zu
Und leis verhauchen,
Vor Wehmuth zitternd,
Ihr tönendes Leben
Ins Spätroth die Glocken,
Die Trauerglocken
Zu Lübeck, der Stadt.
Und immer stiller
Wird es und stiller –
Und immer dunkler!

Längst ist zerstoben
In alle vier Winde
Des todten Dichters
Letztes Geleit.
Nur hie und da noch
Am Brunn auf dem Marktplatz,
Oder im Winkel
Der dämmrigen Gasse,
Mit verschränkten Armen
Gelehnt an die Hausthür,
Erzählt vertraulich
Der Nachbar dem Nachbarn,
Aus braunem Meerschaum
Bläuliche Wölkchen
Ins Zwielicht blasend:
Wie auch er,
Schon am frühen Morgen,
Den wuchtigen Hammer
Bei Seite gelegt
Und staubüberdeckt
Den blauen Werkeltagskittel
Vertauscht mit dem schwarzen,
Wohlgebürsteten Sonntagsrock.
Wie er, begleitet
Von seinem Vetter,
Dem Fabrikanten,
Drauf gravitätisch
In modischem Aufputz
Dem Zuge gefolgt sei;
Und wie auch er dann
Von seinem Gönner,
Dem Herrn Senator,
Die Gunst sich erwirkt
Und dem grossen Todten,
Dem Ehrenbürger
Der freien Vaterstadt,
Feuchten Blicks
Eine Hand voll Erde
Ins Grab geworfen.

Und immer dunkler
Wird es und dunkler –
Und immer stiller!

Das bleiche Antlitz
Von Schleiern umhangen,
Von Haus zu Haus
Wandelt die Nacht.
In Erkern und Giebeln
Blitzt es von Lichtern auf
Und leuchtende Streifen
Fallen wie Gold
Durch die Scheiben der Fenster
Weit auf die Gasse.
Kaum, dass ein Wandrer,
Der nachtverspätet
Den Heimweg sucht,
Sie quer durchschneidet.
Aber droben im traulichen Zimmer
Am warmen Kamin,
Umringt von den Kindern,
Sitzt die Hausfrau;
Und auf den Schooss
Hebt sie ihr jüngstes,
Blondes Töchterchen,
Die kleine Ada;
Und hochaufhorchend
Vernehmen die Mäuschen,
Dass der alte Mann
Mit dem weissen Schneebart,
Den sie erst gestern noch,
Umduftet von bunten,
Zaubrischen Blumen,
In einem schmalen,
Glasüberdeckten,
Schwarzen Kasten
Bleich und reglos
Liegen gesehn,
Ein König gewesen,
Dessen Reich
So schrecklich gross war,
Dass drin die Sonne
Nie untergegangen.
Und wie die Mutter
Den kauernden Kindern
Dann weiter erzählt,
Dass der todte König
Auch noch ein Zaubrer war,
Der die Sprache der Vögel verstand
Und das Duften der Blumen,
Das Wehen der Winde,
Das Funkeln der Sterne,
Das Rauschen der Wälder,
Ja, selbst den Herzschlag der Menschen,
In wunderselige,
Geheimnisssüsse
Zauberlieder zu bannen gewusst:
Da nickt auch der Vater,
Der seitab im Lehnstuhl
Ueber die Zeitung gebückt
Mit halbem Ohr
Der Erzählerin lauscht,
Und still überdenkt er
Das Leben des Dichters,
Des todten Dichters,
Und siehe auch ihm,
Dem Skeptiker, däucht's nun
Fast wie ein Märchen!

Und weiter draussen
Immer weiter,
Von Haus zu Haus,
Wandelt die Nacht.
Immer stiller
Wird's auf den Gassen,
Immer dunkler
Werden die Fenster
Und ein Licht lischt nach dem andern aus.

Wo aber einsam,
Die schlaflosen Züge
Vom Goldlicht der Lampe
Sanft überhaucht,
Noch ein Menschenkind wacht,
Da wühlt es sich nicht mehr
In düstre Probleme,
Da fragt es sich nicht mehr
Um Sein oder Nichtsein,
Wie weiland Hamlet
Oder Faust:
Ein kleines Büchlein
Mit blankem Goldschnitt
Hält es entzückt
In seiner Hand,
Und golden träufelt
Aus jedem Liede,
Das lustberauscht
Sein bebendes Lippenpaar
Klangvoll ausströmt,
Bezaubernder Wohllaut
Ihm ins Ohr.
Er aber, er,
Der einst vor Jahren,
Vor langen Jahren,
Mit seinem warmen,
Rothen Herzblut
Die Blätter beschrieben,
Dass nach Jahrhunderten noch
Der spätgeborene Enkel –
Zieht er sie prüfend
Aus seinem Erbschrein
Wieder ans Licht –
Von ihrer Räthselkraft
Magisch durchzuckt wird
Und die Blätter,
Die unscheinbaren Blätter,
Nicht hergeben will,
Nicht um Gold und Gesteine:
Er schlummert die Nacht nun,
Die erste Nacht auf dem Friedhof!
Silbern stiehlt sich der Mond
Durch das grüne Gezweig
Und spiegelt sich wieder
In den tausend blanken Blättern,
Die trauernd der Lorbeer
Seinem Liebling
Aufs Grab gestreut;
Und weinend breitet
Die ewige Liebe
Ihre schirmenden Fittige
Drüber aus.

Noch hat der Lenz
Aus seinem Füllhorn
Die schönsten Blumen,
Die lieblichsten Düfte
Nicht über die Erde gestreut,
Denn noch weilt die Nachtigall
»Fern im Süd«
Und klang- und duftlos nur
Grünt der Flieder.
Aber die Liebe,
Die Allurewige,
Glaubend und hoffend
Hebt sie ihr Antlitz,
Ihr thränenumflortes,
Hoch empor
Zu den ewigen Sternen;
Und mitleidsvoll
Leiht der Allgütige
Ihrer Klage sein Ohr.
Mit dunklen Schleiern
Die Gräber um sie
Rings überdeckend,
Zeigt er der Lächelnden
Ein farbenschillerndes
Bild der Zukunft.
Da wird es licht um sie,
Ihr von den Augen
Fällt es wie Schuppen
Und durch ihr Sinnen
Zuckt's wie ein Traumgesicht:
Hochauf recken
Die Thürme von Lübeck,
Die sieben Thürme,
Die vielbesungnen,
Sich blitzend ins Morgenroth
Und aus den Gärten,
Den vollerblühten,
Am Ufer der Trave,
Schluchzt nun die Nachtigall
Ihr erstes Lied!
Aber durchs Stadtthor
Auf staubiger Strasse
Am schwarzen Gitter
Des Friedhofs vorbei
Ziehen zwei Bursche,
Zwei junge Bursche
Mit Ränzel und Knotenstock,
In die weitweite Welt,
Und jubelnd ringt sich
Aus ihren Kehlen,
Aus ihren Herzen
Das alte Lied:
Der Mai ist gekommen!

Der Mai ist gekommen!
Nicht sie allein nur
Sind's, die es singen:
Ein ganzes Volk,
Eine ganze Welt singt's!
Und auch er selber,
Der Schwan von Lübeck,
Freudig nun stimmt er
Mit in sein Lied ein;
Ist doch auch ihm nur
Nach irdischem Winterleid
Himmlische Lenzlust
Herrlich erblüht.
Auf schönerem Stern
Der dunklen Schatten
Der dunklen Erde
Eingedenk,
Webt eine Glorie
Ihm um das Haupt nun
Das kleine Wörtchen:
Unsterblichkeit!

Also sinnend
Und in das Göttliche
Tief sich versenkend,
Vergisst die Liebe,
Die ewige Liebe,
Rund um sich her
Tod und Verwesung
Und durch das Herz ihr
Zittert das Echo,
Das wundertröstliche:
»Hoffe du nur!«
Aber die Stunden,
Die lachenden Dirnen,
Goldsohlig wandeln sie
Ueber das Grab.
Und wie allmählich
Korn auf Korn
Durch die Sanduhr rinnt,
Blitzt es röthlich
Am Horizont auf.
Flammend entsteigt
Die junge Sonne,
Die Morgensonne
Des ersten Ostertags,
Dem wogenden Fluthmeer
Der blauen Ostsee
Und lächelnd grüsst sie,
Mit tausend goldnen,
Flackernden Lichtern
Es blitzend umspielend,
Zum ersten Mal –
Das Grab ihres Dichters.

Buch der Zeit 31 Emanuel Geibel 2

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