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LYRIK Julius Hart - Poetische Werke 14

Julius Hart (1859-1930)

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Poetische Werke 14

In der Einsamkeit

1884

Fernab fällt wie fortwandelnder Stürme Sausen
Hin verworrener Lärm der Riesenweltstadt,
Und in's Ohr nur tönt mir selten
Noch ein Ruf und müdes Kinderlallen.

Lockte der erste Maiensonntag
Bunte jubelnde Menschenfluthen
Fort und weg zu goldigspiegelnden Wassern,
In das weißlichschillernde Frühlingsgrün;
Walten alle, jauchzenden Herzens,
Wie zum Gnadenbilde der Himmelsfürstin
Singende Mönche mit seidenen Bannern wallen.

Doch mich warf die glänzende Fluth zur Seite,
Da in Schmerzen erschauerte meine Seele,
Und ich wandte, Dunkel im Herzen,
Wandte die Schritte denn ein jedes
Liebeathmende Frauenantlitz
Mahnte mich an deine Schönheit,
Deine trunkenen Küsse und die Lüge
Deines Herzens.

Nimm mich auf, nimm mich auf,
Einsamkeit in deinen Dom,
Laß eintreten mich, Friedsuchenden,
Und vor deinem Altar in Opferschalen
Ausgießen mein Blut und meine Thränen.

An deinen Busen nimm mein Haupt!
Ueber mir nur Sternflammen
Und wehende Wolken ...
Hier versink' ich im weiten Raum,
Wandle wie Ihr leuchtende Himmelsseelen
Allein – allein in endlosen Weiten.

Einsamkeit, wie bebte ich einst vor dir,
Schrak vor dir, wie die erste Blüthe
Schrickt im Garten vor nachziehenden Winterfrösten.

Schauernd vor dir barg ich mein Haupt
An der Frauen weißem Busen,
Suchte dich heilige Liebe,
Helles, kühles Morgenwasser du,
Daß ich in dir baden wollte
Und gesunden zu ewiger hoher Wunderfreude!
Liebe! Rosige Briefchen ihr,
Beschmutzt mit Lügen und falschen Schwüren,
In's Feuer, in's Feuer!
Vorüber wallen an mir Gestalten – –
Hinunter, hinunter ihr Gleißenden,
Nicht lockt ihr mich wieder!

Und auch du!
Waffengenosse, mit dem ich stets zusammenstand,
Umqualmt vom Rauch der Schlacht,
Du, mein Schild, Du, mein Streitbeil –
Ein Mantel deckte uns, ein Becher labte uns –
Wir beide, Zweige am selben Baum,
Brüder wir, –
Nach anderem schöneren Sterne
Ausbreitest du die opfernden Hände,
Und von mir fliehen deine Augen.

Allein, allein!

Feinde ringsum!
Dicht wie wetterschwarze Wolken
Drängen sie gegen mich heran,
Hier im Busen, draußen im lärmenden Weltstrom,
Umlagern mein Zelt wie Raubthiere.
Tausend Pfeile sind gerichtet gegen mein Herz,
Tausend Schwerter flammen wider mich;
Wenn der Morgen mit blassem Munde mich küßt,
Setzt sich fahle Noth zu mir,
Und wenn der Abendnebel fällt,
Ruht mein Haupt im Schoße des Leides,
Aus wirren Träumen banger Erinnerung,
Weckt mich der Schmerz zur Nachtzeit.

Nun wardst du zur Freundin mir, Einsamkeit,
Zur hohen schönen Geliebten,
Dir tönt mein Lied, athmend
Die Schauer der Zukunft.

Deine Hand liegt auf meinem Herzen,
Deine Küsse fallen auf mein Haupt,
Meine Seele zittert in deinen Armen.

Du Gebärerin großer Gedanken,
Du Erzeugerin weltstürmender Thaten,
Du gieß'st in unseren Busen den Schmerz,
Der wegfegt wie Lenzsturm
Herb', groß, rauhathmend
Die welken Blätter von den Straßen,
Den Staub des Alltags.
Des Herzens Acker zerreißt du in wilde Furchen,
Daß tausendfach munter hervorschießt
Der gold'ne Weizen kühnen Wollens.

Du singst uns vor mit düst'rer Stimme
Das uralte, herbe Lied vom Menschenschicksal:
In die Welt nackt gestoßen
Einsam steh'n wir auf öder Wacht,
Jeder Feind dem anderen,
Allein Kämpfer, allein Sieger!
Eigne Kraft nur ist unser Schwert,
Allein nur fällst du, und kein Lebendiger
Tauscht je die goldige Fülle seines Tages
Voll erhabenen Mitleids
Mit den Schatten deiner Todesnacht.

Einsamkeit!
In deinem Schooße lag Homers ehrwürdiges Haupt,
Und deine Hand ruhte auf Caesars Scheitel,
Mit glühendem Auge und brennendem Herzen
In der Wüste suchte dich der Welterlöser,
Und weggescheucht vom rothfunkelndem Wein
Brach vor dir stammelnd in's Knie
Der gewaltige brittische Herzenserschütt'rer.

Gieße du Feuer in meine Seele,
Und Frost in mein Gehirn,
Bade mich im Drachenblute,
Und unverwundbar durch dich
Heb' ich mich auf vom Lager
Und trage meine Waffen jauchzend der Welt entgegen.

Eine ganze Welt in Waffen,
Eine Welt in Waffen wider mich,
Wider mich allein.

Fliege empor mein Geist,
Deine strahlenden Flügeln hebe zum Himmel auf,
Und einen Strahl der Sonne bringe mir nieder,
Einen Stern nur von deinem Himmel
Erflehe ich, dunkle Zukunft!

Fliege empor, mein Geist,
Deine mächtigen Augen wirf in der Zukunft Nacht!

Wirbelt auf dunkler Staub,
Drängen an tausend bitt're Lanzen,
Bohren sich tausend Pfeile in meine Brust,
Und schmerzzitternd stürzt mein Leib
Nieder auf blutigen Grund.

Nichts als Leiden gewinn ich,
Nichts als jammervollen Tod,
Und vielleicht noch einen Schimmer der Morgenröthe,
Einen einzigen Zweig blühenden Lorbeers.

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OPERONE