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LYRIK Julius Hart - Poetische Werke 11

Julius Hart (1859-1930)

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Poetische Werke 11

Hört ihr es nicht? ...

1884

Hört ihr es nicht? In meinem Ohre bang
Ewig tönt herber dumpfer Trommelklang.

In heller Lenznacht in der Nachtigall
Verträumtes Lied rauscht schwerer Waffenschall.

Der Sommer glüht in dunkler Rosen Duft –
Wie Rossestampfen schallt es durch die Luft.

Und wenn der Wein im grünen Glase quillt, –
Hörst nicht das Schlachtwort, das so blutig schrillt?

O Winternacht! Der Sturmwind heulend fährt,
Die starrenden Wege leer sein Odem kehrt.

Vergebens glüht am Feuerheerd der Rost,
Stärker als Feuer brennt der kalte Frost.

An Haus und Wand und an des Weg's Geleis'
Fliegt Schnee und knarrt das demantharte Eis.

O Winternacht! Durch Eis und fliegenden Schnee
Lauter als Sturmgeist, schreit ein wildes Weh.

Wie an dem Strand die wüste Woge hallt,
Die Nacht hindurch Geschrei und Schlachtruf schallt.

In dunklen Schaaren drängt es finster an,
Mit Beil und Hammer wogt es dumpf heran.

Zerlumpte Haufen, wie vom Sturm verwirrt,
Das Eisen dröhnt, das blanke Messer klirrt.

Das Angesicht, blaß wie ein Wintertag,
Sagt, wie das Elend gar so fressen mag.

Das Auge tief, die Wange hohl und schmal,
Auf Stirn' und Wang' der Krankheit brand'ges Mal.

Das Haar gelöst auf braunen Nacken hängt,
Den nackten, schweren Fuß kein Schuh umzwängt.

Das Banner dräut, wie Herzblut dunkelroth,
Und dort die Fahn', schwarz wie der Würger Tod.

Parol' die Frag: Was für ein seltsam Wesen?
Antwort: Vom Elend wollen wir genesen.

Es drängt heran, es wogt die dunkle Fluth
Und in den Lüften schwimmt's wie schwarzes Blut.

Auf, auf die Herzen, die am Thron ihr sitzt,
Von Gold und heißem Demantglanz umblitzt!

Auf, auf die Herzen, die beim duft'gen Mahl
Ihr schwingt den silberstrahlenden Weinpokal.

Seht ihr es nicht, das Zeichen, das sich hebt?
Ein eherner Kelch vor euren Augen schwebt!

Ein eherner Kelch mit Thränen angefüllt,
In Dornen und in Stacheln eingehüllt.

Hört aus der Tiefe schmerzenbanges Schrein –
Auf, auf die Herzen, laßt die Liebe ein!

Reißt ab das rothe Gold vom Sammtgewand,
Den Demantschmuck, das schimmernde Perlenband.

Wir wandeln in der Lebenswüste Noth,
Des Golds bedarf es nicht, o gebt nur Brod!

Auf, auf die Herzen, Thrän' um Thräne quillt
Dort in der Tiefe, und von Seufzern schwillt

Die bange Brust, das Aug' verderblich blitzt –
Auf, auf ihr Herzen, die am Thron ihr sitzt!

Hört ihr es nicht? In meinem Ohre bang
Ewig tönt herber dumpfer Trommelklang ...

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