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LYRIK Otto Erich Hartleben - Poetische Werke 27

Otto Erich Hartleben (1864-1905)

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Poetische Werke 27

. . . Als ich dann wieder in die Heimat kam –
im Frühling wars, die Hyazinthen blühten –
da war sie tot, von fremden, kalten Menschen
hinausgetragen in ein kahles Grab. – –

Ich fand es nicht. Langsam ging ich zurück
in ihre Wohnung. Ihre feiste Wirtin
sprach schmunzelnd: Gott, die Menschen sind nicht rar!
Nicht eine Woche stand ihr Zimmer leer.
Jetzt wohnt ein allerliebstes Chansonnettlein
darin, ganz jung noch, mit so lustigen Füßen!
Wolln Sie sie sehn?
– –
Und ich erfuhr, wie sie gestorben war.
Vor ihren Augen, während sie in Qualen
und Fieber dalag, hatten – ihre Schwestern
begierig ihrer Habe sich bemächtigt:
Sparkassenbücher, Kleider, Schmuck und Wäsche
aus allen Kästen sich hervorgesucht
und – umgepackt in einen großen Korb.

Da . . hatte sie den bleichen Kopf erhoben
von ihrem Kissen, hatte sich verwundert
mit großen, schwarzen Augen umgeschaut
und hatte . . gelächelt . . .
– –
Mir ist . . als ob ich dieses Lächeln sähe!

Lili 1

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