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LYRIK Otto Erich Hartleben - Poetische Werke 24

Otto Erich Hartleben (1864-1905)

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Poetische Werke 24

In Nordberlin, im Hinterhaus, vier Treppen,
wohnt ein Student. Er war nicht reich; doch arm,
blutarm war seine Wirtin, eine Witwe.
Die saß in ihrem düsteren Hinterstübchen,
und vor ihr stand bekümmert ihre Tochter,
das bleiche, hübsche, vierzehnjährge Gretchen.
Sie stand vor ihr, als wär sie schuldbewußt,
und ließ das Köpfchen hängen; ihre Mutter
schalt auf sie ein mit ihrer harten Stimme:

Ein neues Kleid? Zur Konfirmation!
Fürn lieben Gott! Was? Frag doch mal den Pastor,
wieso denn die, die nicht mal so viel Geld
bekamen, um in einem ganzen Kleide
des Sonntags in die Kirche gehn zu können,
wieso denn die an Gott noch glauben müßten!
Geh, frag ihn, aber bitt mich nicht um Geld
und Kleider . . freu dich, wenn du nicht verhungerst . . .
Und weinend wendet Gretchen sich zur Tür.
Da kommt ihr ein Gedanke. Mutter! ruft sie,
ich will den Herren Doktor bitten – Mutter!
Was lachst du? – Das ist recht! Nur zu! Nur zu!
Es muß ja doch mal kommen. Geh nur hin! –
Ich glaube, Mutter, daß ers tut. – Gewiß!
Er wäre ja ein Narr, wenn er sich zierte!
Und wieder lacht sie bitter höhnisch auf.

Ein Bangen vor der Mutter faßt das Kind.
Es geht hinaus und leise, schüchtern klopft es
an des Studenten Tür. Herein! Und zagend,
errötend überschreitet sie die Schwelle.
Sie hat noch nicht gebettelt. –

Gretchen! Du? –
So komm doch näher, Kind . . . was gibt es denn?
Was hast du denn? O sieh, du hast geweint!
Gib mir die Hand: wer hat dir was getan? –
Und freundlich faßt er ihre Hand und schaut
in ihre großen braunen Augen. Flehend,
doch ohne Scheu sind sie auf ihn gerichtet.
Und langsam sagt sie: Nächsten Sonntag schon,
am Ostersonntag . . werd ich eingesegnet . .
und alle kommen sie in schwarzen Kleidern . .
in neuen schwarzen Kleidern . . aber ich . .
ich bat die Mutter . . . Ach, wir sind so arm!
Von jähem Mitleid mit sich selbst bewältigt,
bricht sie aufs neu in heiße Tränen aus,
und, wie nach Tröstung suchend, faßt sie fester
die Hand des jungen Mannes.

Gretchen! Komm:
sei still! Und ihre linke Hand, mit der
sie ihre Tränen trocknet, zieht er sanft
herab. – Ich schenk es dir, das schwarze Kleid!

Dann aber stößt er sie fast rauh von sich:
Ich habe noch zu tun. Komm! Sei gescheit!
Laß meine Hand! Ich habe noch zu tun.

Das Konfirmationskleid 1

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