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LYRIK Otto Erich Hartleben - Poetische Werke 127

Otto Erich Hartleben (1864-1905)

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Poetische Werke 127

Gottesdienst

Sicher und harmlos,
wie Götter und Kinder,
atmen wir freudig
des Lebens Tage.
Aber die Nächte,
des Lebens Nächte
feiern wir fromm.

Uns segnet der Mond
mit weißen Händen:
am Hange des Berges
auf hoher Warte
gießt er das Silber
uns vor die Füße,
und goldne Sterne
flammen und kreisen
über den Scheiteln
der Gottgebornen.

Fern drängt ein Windstoß
schwer durch den Hochwald . . .
Aus seinem Rauschen
spüren wir schauernd
ewigen Hauch . . .

– Lernet verachten
die niedern Geschlechter!
Hoch durch die Wipfel
wandelt der Sturm.

Lernet verachten
die Meute der Menschen!
Rein, für die Menschheit
schlage das Herz!

Lernet gebieten
als Herren den Herrschern!
Nur was euch eigen,
schirmet und baut! –

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