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LYRIK Otto Erich Hartleben - Poetische Werke 122

Otto Erich Hartleben (1864-1905)

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Poetische Werke 122

Ninive

Und zum zweitenmal geschah des Herren
Wort zu Jona: Mach dich auf und wandre
in die große Ninive und predige
von dem heiligen Zorne deines Gottes,
denn es ist vor mich heraufgekommen
ihre Bosheit, und ich will sie strafen.

Jona hörte und gehorchte. Eilends
brach er auf zum Lande der Assyrer.
Und er kam nach Ninive, der großen,
die drei Tagereisen lang sich ausdehnt.
Stumm ging Jona eine Tagereise,
aber dann erhob er seine Stimme,
predigte und sprach: Noch vierzig Tage
wird die stolze Ninive sich brüsten –
doch nach vierzig Tagen wird der Herr sie
züchtigen zu ihrer Sünden Ernte
und zerreißen ihrer Mauern Kranz.

Da die Leute solche Predigt hörten,
zog die Furcht in ihre raschen Herzen,
und sie glaubten Gott. Alsbald erhub sich
Wehgeschrei und Klagen durch die Straßen.
Und die Kunde kam auch vor den König.
Der stand auf von seinem goldnen Throne,
legte seinen Purpur ab und hüllte
sich in einen Sack. Drauf ließ er ausschrein
als Befehl und aus Gewalt des Königs:

Daß vielleicht sich Gottes Zorn noch wende,
sollen alle, alle Wesen fasten,
groß und klein und Mensch wie Tier. Sie sollen
alle sich in härene Säcke hüllen
und sich niederwerfen in die Asche.
Darben soll was Odem haucht und niemand
soll sich selber Speis und Trank gewähren
noch ein Tier zur Tränk und Weide treiben.
Sondern jeder soll vom bösen Wege
ab sich kehren und von seiner Hände
Frevel! – Daß vielleicht wir Gnade fänden,
daß vielleicht sich Gottes Zorn noch wende!

Als nun Gott die Werke ihrer Reue
sah, erbarmte sich sein Herz des Volkes,
und das Übel, das er durch die Stimme
Jonas, seines Dieners, über jene
schon verhängte – tat er ihnen nicht an.

Biblische Geschichten 8

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