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LYRIK Otto Erich Hartleben - Poetische Werke 121

Otto Erich Hartleben (1864-1905)

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Poetische Werke 121

Das Gebet

Aber Gott verschaffte einen großen
Fisch, der schlang in seines Bauches Höhle
Jona ein. Und Jona war darinnen
während dreier Tag und dreier Nächte,
betete zu Gott und rief zu ihm:

Aus der Tiefe rief ich, Herr, zu dir,
und du Großer hörtest meine Stimme.

Deine Fluten hatten mich umgeben,
alle Wogen, alle Wellen gingen
über mich – daß ich gedachte: nimmer
würd ich deinen Tempel wieder schauen,
ewig wäre nun von deinen Augen
ich verstoßen. Alle deine Wasser
strömten mir ans Leben, mich umragte
schon die Tiefe, Schilf umfloß mein Haupt.
Nieder sank ich zu der Berge Gründen
und verriegelt hatte mich die Erde.
Aber du, mein Herr und Gott, du führtest
wieder mich empor aus dem Verderben,
denn du bist barmherzig, gut und gnädig.

Da die Seele schon bei mir verzagte,
dacht ich deiner, Herr, und mein Gebet drang
auf zu dir in deinen heiligen Tempel.
Jene, die vor deinem Grimm verzweifeln,
die sich knechten lassen von dem Leide –
sie, nur sie verwirken deine Gnade!

Und der Herr sprach zu dem Fisch im Meere.
Und der Fisch spie Jona aus ans Land.

Biblische Geschichten 7

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