Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters

WOLFRAM VON ESCHENBACH

Den morgenblic bî wahtæres sange erkôs

1 Den morgenblic bi wahtæres sange erkôs
ein frouwe, dâ si tougen
an ir werden friundes arm lac.
dâ von si der fröiden vif verlôs.
des muosen liehtiu ougen5
aver nazzen. si sprach »owê tac,
wilde und zam daz fröit sich dîn
und siht dich gern wan ich eine. wie sol iz mir ergên!
nu enmac niht langer hie bî mir bestên
mîn vriunt. den jaget von mir dîn schîn.«10

2 Der tac mit kraft al durch diu venster dranc.
vil slôze si besluzzen.
daz half niht, des wart in sorge kunt.
diu friundîn den vriunt vast an sich dwanc.
ir ougen diu beguzzen5
ir beider wangel. sus sprach zim ir munt
»zwei herze und einen lîp hân wir:
gar ungescheiden unser triuwe mit einander vert.
der grôzen liebe der bin ich vil gar verhert,
wan sô du kumest und ich zuo dir.«10

3 Der trûric man nam urloup balde alsus:
ir liehten vel diu slehten
kômen nâher. sus der tac erschein.
weindiu ougen, suozer frouwen kus.
sus kunden si dô vlehten5
ir munde, ir bruste, ir arme, ir blankiu bein.
swelh schiltær entwurfe daz
geselleclîche als si lâgen, des wære ouch dem genuoc.
ir beider liebe doch vil sorgen truoc,
si phlâgen minne ân allen haz.10

Sîne klâwen

1 »Sîne klâwen
durh die wolken sint geslagen,
er stîget ûf mit grôzer kraft.
ich sih in grâwen
tægelîch als er wil tagen,5
den tac, der im geselleschaft
erwenden wil, dem werden man,
den ich mit sorgen în bî naht verliez.
ich bringe in hinnen, ob ich kan.
sîn vil manigiu tugent mich daz leisten hiez.«10

2 »Wahtær, du singest
daz mir manige fröide nimt
unde mêrt mîne klage.
mær du bringest,
der mich leider niht gezimt,5
immer morgens gegen dem tage.
diu solt du mir verswîgen gar.
daz gebiut ich den triuwen dîn.
des lôn ich dir als ich getar,
sô belîbet hie der geselle mîn.«10

3 »Er muoz et hinnen
balde und ân sûmen sich:
nu gib im urloup, suozez wîp.
lâze in minnen
her nâch sô verholn dich,5
daz er behalte êre unde den lîp.
er gab sich mîner triuwen alsô
daz ich in bræhte ouch wider dan.
ez ist nu tac: naht was ez dô
mit drucken an die bruste dîn kus mir in an gewan.«

4 »Swaz dir gevalle,
wahtær, sinc, und lâ den hie,
der minne brâht und minne enphienc.
von dînem schalle
ist er und ich erschrocken ie.5
sô ninder der morgenstern ûf gienc
ûf in, der her nâch minne ist komen,
noch ninder lûhte tages lieht,
du hâst in dicke mir benomen
von blanken armen, und ûz herzen niht.«10

5 Von den blicken,
die der tac het durh diu glas,
und dô wahtære warnen sanc,
si muose erschricken
durch den der dâ bî ir was.5
ir brustlîn an brust si dwanc.
der rîter ellens niht vergaz
(des wold in wenden wahtærs dôn):
urloup nâh und nâher baz
mit kusse und anders gab in minne lôn.10

Ein wîp mac wol erlouben mir

1 Ein wîp mac wol erlouben mir
daz ich ir neme mit triuwen war.
ich ger (mir wart ouch nie diu gir
verhabet), mîn ougen swingen dar.
wie bin ich sus iuwlenslaht:5
si siht mîn herze in vinster naht.

2 Si treit den helflîchen gruoz,
der mich an fröiden rîchen mac,
dar ûf ich iemer dienen muoz.
vil lîhte erschînet noch der tac
daz man mir muoz fröiden jehen.5
noch grœzer wunder ist geschehen.

3 Nu seht waz ein storch sæten schade:
noch minre schaden habent mîn diu wîp.
ir haz ich ungerne ûf mich lade.
diu nu den schuldehaften lîp
gegen mir treit, daz lâze ich sîn.5
ich wil nu pflegen der zühte mîn.

Der helden minne ir klage

1 Der helden minne ir klage
du sunge ie gegen dem tage,
daz sûre nâch dem süezen.
swer minne und wîplich grüezen
alsô enpfienc,5
daz si sich muosen scheiden:
swaz du dô riete in beiden,
dû ûf gienc
der morgensterne, wahtære, swîc,
dâ von niht sinc.10

2 Swer pfliget oder ie gepflac
daz er bî lieben wîbe lac
den merkern unverborgen,
der darf niht durch den morgen
dannen streben,5
er mac des tages erbeiten:
man darf in niht ûz leiten
ûf sîn leben.
ein offeniu süeziu wirtes wîp
kan solhe minne geben.10

Von der zinnen

1 »Von der zinnen
wil ich gên, in tagewîse
sanc verbern.
die sich minnen
tougenlîche, und ob si prîse5
ir minne wern,
so gedenken sêre
an sîne lêre,
dem lîp und êre
ergeben sîn.10
der mich des bæte,
deswâr ich tæte
ime guote ræte
und helfe schîn.
ritter, wache, hüete dîn.10

2 Niht verkrenken
wil ich aller wahter triuwe
an werden man.
niht gedenken
solt du, vrowe, an scheidens riuwe5
ûf künfte wân.
ez was ie wæge,
swer minne pflæge,
daz ûf im læge
meldes last;10
ein sumer bringet
daz mîn munt singet:
durch wolken dringet
tagender glast.
hüete dîn, wache, süezer gast.«15

3 Er muose von dannen,
der si klagende ungerne hôrte.
dô sprach sîn munt:
»allen mannen
trûren nie sô gar zerstôrte5
fröiden funt.«
swie balde ez tagte,
der unverzagte
an ir bejagte
daz sorge in flôch:15
unvermeldez rucken,
gar heinlich smucken,
ir brustel drucken
und mê dannoch
urloup gap, des prîs was hôch.15

Ursprinc bluomen

1 Ursprinc bluomen, loup ûz dringen
und der luft des meigen urbort vogel ir alten dôn.
eteswenne ich kan niuwez singen,
sô der rîfe liget, guot wîp, noch allez ân dîn lôn.
die waltsinger und ir sanc5
nâch halben sumers teile in niemannes ôre enklanc.

2 Der bliclîchen bluomen glesten
sol des touwes anehanc erliutern, swâ si sint.
vogel die hellen und die besten,
al des meigen zît si wegent mit gesange ir kint.
dô slief niht diu nahtegal.5
nu wache aber ich und singe ûf berge und in dem tal.

3 Min sane wil genâde suochen
an dich, güetlich wîp, nu hilf, sît helfe ist worden nôt.
din lôn dienstes sol geruochen,
daz ich iemer bîte und biute unz an mînen tôt.
lâze mich von dir nemen den trôst5
daz ich ûz mînen langen klagen werde erlôst.

4 Guot wîp, mac mîn dienst ervinden,
ob dîn helflîch gebot mich fröiden welle wern,
daz mîn trûren müeze swinden
und ein liebez ende an dir bejagen mîn langez gern?
dîn güetlîch gelâz mich twanc5
daz ich dir beide guot singe al kurz oder wiltu lanc.

5 Werdez wîp, dîn süeze güete
und dîn minneclîcher zorn hât mir vil fröide erwert.
maht du trœsten mîn gemüete?
wan ein helflîchez wort von dir mich sanfte ernert.
mache wendic mir mîn klagen,5
sô daz ich werde grôz gemuot bî mînen tagen.

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