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LYRIK Hermann Conradi - Poetische Werke 76

Hermann Conradi (1862-1890)

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Poetische Werke 76

Wir sind die Sieger!

(An Johannes Bohne.)

Freund! Noch sproßt uns die Kraft
Und die Liebe ist jung!
Blüten duft'ger Erinnerung
Wird nimmer sammeln
In kommenden Tagen,
Der nur mit Stammeln,
Der nur mit Zagen
Zu den Göttern gefleht!
Und nie ein Gebet
In flammender Begeisterung,
In blühendem Hymnenschwung,
Gen Himmel gesandt,
Auf daß er ihn löse
Von lastender Schuld!
Auf daß er ihn labe
Aus dem Gnadenkelch
Seiner Trösterhuld!
Auf daß er ihm leihe
Verklärende Weihe –
Lebendigen Odem,
Wie er durchflutet
Der Seligen Brust!
Nicht bangende Lust,
Nicht karges Hoffen,
Nicht zaghaftes Wollen:
Den Tiefen der Seele
Entlockt und entquollen,
Ströme sie hin
In berauschendem Rollen:
Die Leidenschaft!

Wie Bergwasser tosen
Und jauchzend durchbrechen
Gigantischer Felsen
Ehernen Wall:
So flamme sie schäumend
Und siegend umspanne
Mit allmächtigen Armen
Sie Zeiten und All!

Laß andere langsam,
In erwogenem Wandel,
Die Pfade schreiten,
Die ihnen gezeichnet
Ein auglos Geschick:
Mit blitzender Brünne,
Im Blicke Flammen,
In der Seele die Freiheit,
Laß uns erringen
Das heilige Ziel!

Laß andere fahrten
Den Nacken gebeugt
Und ängstlich das Auge,
Das entgeistete, stumme,
Zu Boden gekehrt,
Von tauben Lasten
Die Seele beschwert –
Wir sind die Sieger!

Des Weltalls Weiten
Durchfühlen in kühnen
Gedankenfahrten
Wir glückliche Wandrer!
Und furchtlos schreiten
Wir durch der Zeiten
Rätselumgürtetes
Riesentor –
Nur höher und höher
Zu dir, o leuchtende
Sonne, empor!
Wir sind die Sieger!

Lieder eines Sünders 76 Gipfelgesänge 1

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