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LYRIK Hermann Conradi - Poetische Werke 28

Hermann Conradi (1862-1890)

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Poetische Werke 28

Verkauft

Nicht war mir zu Willen
Deine lebendige Seele!
Und nicht umtönte mich
Ihrer tiefsinnigen Sprache
Ergreifender Urlaut ...

Doch deinen Leib – doch deinen Leib
Hab' ich besessen
Und deine Glieder
Kühnlich betastet –
Und meine Hand –
Meine heiße irrende Hand –
Fand Huld und Heimat
Im Tal deiner Brüste ...

Und dein Leben spürt' ich –
Dein lebendiges Leben! ...
Den Rhythmus des Blutes –
Von den Lippen dir sog ich
Die Frucht seines Kreisens ...
Und das Leben umfing ich –
Das lebendige Leben ...

Aber deine Seele war stumm,
Und wortlos dein Auge,
Als ahnten sie kaum
Der Wonneschmerzen
Verschleierten Tiefgang –
Die Schmerzenswonnen,
Die sich gebären,
Flackernde Flammen,
Gibt sich dem Menschen
Der göttliche Mensch
Im Namen des Geistes,
Der das Ewige fügt
Zum Gebilde der Stunde –
All-einig Bewußtsein
Zeugt und entfaltet,
Ein pfadkundiger Tröster! ...

Aber deine Seele war stumm,
Als deckte sie Schlummer –
Als träumte entrückt sie
Zu anderen Sphären,
Die Nahsein den Göttern
Heiter gewähren ...

Mich aber verwarf sie
Und meiner Seele
Brünstiges Rufen ...

Da quoll es empor –
Und meine Sehnsucht,
Die dich nicht beseelt,
Wandelte trotzig
Zu irdischer Lust sich
Nach jener Sünde, –
Die wurzelnd im Staube
Vom Staube sich sättigt ...

Und mich zerfraß
Die Flamme der Wollust –
Und wühlte sich ein
Und füllte mich ganz
Und mordete meuchlings
All meine Gottheit! ...

Und ich betastete dich –
In deine Glieder verkrampft –
Als sei ich von Sinnen –
Als hätte ich niemals
Meiner Seele Freiheit
Auch nur geahnt –
Als hätt' ich mich niemals
Voll feuriger Kraft
Zu den Göttern entrafft!

Durch mein Hirn
Schossen die Ströme
Brennender Wollust –
Und es versenkte
Der verruchte Drang mich,
Dich zu zermalmen
Unter den Strudeln
Meiner entarteten Lust!

Aber da lagst du –
Bleich, wie ohne Seele,
Wie ohne tiefstes
Lebensbedürfnis ...
Und jeder Zug
In deinem blöden,
Verstumpften Antlitz
Und redete deutlich:
Daß ich dich nur gekauft...

Weib! Da kam es über mich –
Da kroch es heran –
Es lastete sich auf mich
Und ich wähnte –
Ich wähnte, es wiche –
Es wiche jählings
Unter meinen zuckenden Fingern
Dein warmfeuchtes Leben ...
Und Grausen schlug mich ...

Und mich zerschnitt
Der eiskalte Anhauch,
Der aus den Poren
Deines Leibes emporquoll,
Sich um mich gürtete
Mit Klammern der Angst ...

Und ich warf dich von mir ...

Mein Auge aber –
Mein hellsichtiges Auge,
Schaute Bilder und Zeichen
Und durchdrang
Die Herzen der Menschen ...

Und ich sah
Tausendmal, tausendmal! –
Immer wieder
Das letzte eine:
In jede Seele
Mit Blutschrift gebrannt:
Verkauft!

Ueber die weiten Märkte des Lebens
Rollt unaufhaltsam,
Nächte und Tage,
Ohne Labung und tröstende Sonne
Die Sklavenkolonne
Der verkauften Kreaturen, –
Zu Schächern und Huren
Niedergezwungen
Von den Fäusten der Not, –
Zum alltagsüberstaubten,
Hoffnungsberaubten
Listkampf ums Brot ...

Und ich sah zu dir nieder, Weib,
Und du sahest zu mir empor, – Weib –
Und wie Verwunderung, –
Wie eine Frage
Las ich in deinen toten Augen ...

Tröste dich, Weib!
Du seelenloses!
Ich habe noch eine Seele,
Die einmal, einmal –
Mit dem Kanaan-Wasser
Der Freiheit getauft!
Leider! – oh leider
Ist sie zu drei Viertel
Auch schon glücklich – verkauft!

Lieder eines Sünders 28 Im Strudel 7

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