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LYRIK Aloys Blumauer - Poetische Werke 56

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Aloys Blumauer (1755-1798)

[Inhalt] [Anfänge] [Titel] [Zeilen]

Poetische Werke 56

Prolog zu Herrn Nicolai's neuester Reisebeschreibung von Obermayer

Der bösen Kritik Ursprung fällt
Gerade in das Jahr der Welt,
Das man nicht darf bedeuten;
Weil sich zwei große Kritiker,
Petavius und Skaliger,
Im Grabe d'rum noch streiten.

Kurzum, der erste Kritiker
War Cham: der ging zum Luzifer
Sechs Monat' in die Lehre:
Er zeigte bald recht viel Geschick,
Und machte durch sein Meisterstück
Dem Meister sehr viel Ehre.

Denn als sein Herr Papa sich krank
Am ersten Ratzerstorfer trank,
(Und wie's im heissen Lande
Oft Blössen gibt) so sah er ihn,
Und zeigte mit dem Finger hin,
Auf seines Vaters Schande.

Doch, hätte schon um diese Zeit
Von derlei Blössen Würdigkeit
Präputius geschrieben,
Es wäre, das versichr' ich euch,
Der unverschämte Fingerzeig
Gewißlich unterblieben.

So aber ward der Wein verflucht,
Und macht nun dem, der ihn versucht,
Koliken im Gehirne:
Wir selbst sah'n noch zu uns'rer Zeit,
Die Folgen seiner Schädlichkeit
An Nicolai's Stirne.

Allein davon ein andermal –
Die Kritik ward nun überall
Durch Cham's Geblüt verbreitet:
Auf Sara's Runzeln, Abram's Bart,
Aus Ziegen, Ochsen, Schafe ward
Mit Fingern hingedeutet.

Noch ärger ging's zu Babel her,
Da war kein Ziegel, den das Heer
Der Kritiker verschonte,
Woher es denn auch kommen mag,
Daß man damit bis diesen Tag
Nicht fertig werden konnte.

Und eben von dem Saus und Braus
Bekam das grosse Schneckenhaus
Den bösen Namen Babel;
Denn als sie's gar zu bunt gemacht,
Wuchs jedem Kritler über Nacht
Zur Straf ein andr'er Schnabel.

Das Kritlervolk zerstreute sich
Nun unter jeden Himmelsstrich,
Ward kecker in der Ferne,
Und bellt nun, wenn es ihm gefällt,
So wie der Hund den Mond anbellt,
Hinan bis an die Sterne.

Der Zeichendeuter Balaam
Ließ sich der erste ohne Schaam
Mit Geld und Schimpfen dingen:
Er wollte los gen Israel zieh'n,
Doch glückt' es seinem Esel, ihn
Noch zur Raison zu bringen.

Dafür gelang's dem Semei,
Der seinem Herrn in's Antlitz spie,
Sich zu nobilitiren:
Denn der Minister machte kund:
Er sollt' hinfür den Titel: Huna,
Im Prädikate führen.

Indeß die Kritik auf der Welt
Ihr Amt bald gratis, bald um's Geld
So ziemlich leidlich führte,
Geschahe in der Himmelsburg
Ein Unglück, das sie durch und durch
Mit Giftschaum inprägnirte.

Der alte Momus, der bisher
Am Hof des Vaters Jupiter
Den Tischhannswursten spielte,
Als er einst Junons Möpschen stieß,
Bekam von ihm solch einen Biß,
Daß er vor Schmerzen brüllte.

Und weil das Hündchen wüthig war,
So ward es auch der arme Narr,
Es schwoll ihm Mund und Kehle;
Und jedes Wörtchen, das er sprach,
Ward auf der Zunge Gift, und stach
Die Götter in die Seele.

Er tobt' und schäumte fürchterlich,
Biß unter'n Göttern wild um sich
Und ihren Kammerdienern;
Kurzum, er spielte allen mit,
Wie unlängst ein Nicolait
Es machte mit den Wienern.

Seit dieser Zeit ist Kritelei
Und böse Hundswuth einerlei:
Das Gift fieng an zu schleichen,
Und ist, kömmt's gleich vom Himmel her,
Den Menschen nun gleich schrecklicher,
Als Pest und and're Seuchen.

Denn ach! vom Kritlergifte wird
Man augenblicklich inficirt
Vom Fuß bis auf zum Scheitel;
Ja vor dem Biß des Kritikus
Schützt nicht einmal Merkurius –
Nur höchstens noch sein Beutel.

Dabei ist dieses Gift sehr fein,
Man kann es in ein Briefelein
Ganz leichtlich einballiren;
Man liest, und ist des Giftes voll,
Und so kann man von einem Pol
Zum andern inficiren.

Ja, was noch mehr, es ist so scharf,
Daß man's nur sehen lassen darf,
Um Unheil anzustiften;
Auch kann man nach Jahrtausenden
Damit die Abgeschiedenen
Im Grabe noch vergiften.

Nun sollt ihr Herr'n noch kurz und gut
Von der besagten Krittlerwuth
Den ganzen Stammbaum wissen:
Gebt Acht: Man hat von Momus an
Bis auf den heut'gen Tag fortan
Einander sich gebissen.

Mit rechtem Hundesappetit
Biß einst Herr Momus den Thersit,
So kam das Gift schon weiter:
Weil der Gebißne beißen muß,
So biß Thersit den Zoilus,
Homerens Sylbenreiter.

Herr Zoilus war auch nicht faul,
Und biß den Aristarch in's Maul,
Den grossen Splitterrichter;
Der aber biß den Mevius,
Mev aber biß nun aus Verdruß
Herrn Martial, den Dichter.

Und Skaliger, gelehrt, durch ihn,
Biß den Muretus – doch wohin? –
Das müßt ihr mich nicht fragen:
Und wenn es denn gesagt seyn muß,
So gehet hin, – Präputius
Wird euch's statt meiner sagen.

Der hochgelehrte Fleischerhund
Sciopius biß alles wund,
Was er nur wahrgenommen,
Und weil er die Jesuiten biß,
So ist das Gift auch unter dieß
Electum Vas gekommen,

Hier ward es noch gefährlicher,
Dann schleichend Gift und trieb nicht mehr
Den Schaum heraus zum Munde;
Es war oft, eh man sich's versah,
Im Leibe des Gebißnen da,
Doch sah man keine Wunde.

Allein mit gifterfülltem Zahn
Fiel Burmann einst Herrn Klotzen an,
Und zwickt' ihn in die Wade;
Klotz ward nun auch dem Wasser gram,
Und wer ihm nur zu nahe kam,
Den biß er ohne Gnade.

Er biß gar schrecklich um sich her,
Es wollte schon kein Autor mehr
Auf off'ner Strasse gehen,
Herr Doktor Lessing gab ihm zwar
Zum Schwitzen ein, allein es war
Nun schon einmal geschehen.

Einst als die Wuth in's Hirn ihm schoß,
Ging er auf Nikolai los,
Und packt' ihn bei den Ohren:
Der Arme schrie gar jämmerlich:
Iha! Iha! – und fühlte sich
Zum Kritler auserkohren.

Nun war das Gift im rechten Mann:
Er schäumte wild, und biß fortan
Mit Jedem in die Wette,
Die Polizei litt in Berlin
Das Beissen nicht, d'rum schloß man ihn
An eine lange Kette.

Doch um das Gift, das ihm fortan
In Strömen aus dem Munde rann,
Durch Deutschland zu verbreiten,
So ließ er für den Giftschaum all'
Sich einen eigenen Kanal
Von Löschpapier bereiten.

Vor diesem mächtigen Kanal
Ließ er die grossen Männer all'
In Kupfer konterfeien,
Um ihnen, wenn's ihn lüstete,
Zum mind'sten in Effigie
In's Angesicht zu speien.

Bald fiel's ihm ein, die Dichterschaar
Die nicht so, wie sein Ramler, war,
In Stücke zu zerreissen;
Bald wandelte die Lust ihn an,
Den Teufel, der ihm nichts gethan,
Zur Höll' hinauszubeissen.

Einst fiel er einen Britten an
Mit seinem Uebersetzerzahn,
(Denn ach! sein Bauch war eitel)
Den fraß er, spie ihn d'rauf und hieß
Uns essen, doch wer aß, den biß
Er schrecklich in den Beutel.

Mit beiden Pfoten scharrt' er d'rauf
Der Tempelherren Gräber auf,
Und nagt' an ihren Knochen,
Und ruhte keinen Augenblick,
Bis er den Armen das Genick
Zum zweitenmal gebrochen.

Einst als die Wuth am höchsten war,
Zerriß er seine Kette gar,
Und lief nach neuer Beute:
Die Böhmen und die Deutschen sah'n
Ihn laufen, aber jedermann
Ging hübsch ihm auf die Seite.

Gar bald kam er in Wien auch an,
Hier schärft' er seinen Kritlerzahn
Zu neuen Heldenthaten;
Trank unsern Ratzerstorfer Wein,
Und ach, verbiß sich obend'rein
In unsern Lungenbraten.

Allein man scheute seine Wuth,
D'rum fand der Magistrat füt gut,
Sogleich zu publiciren:
Zur Sicherheit soll man hinfür
Die tollen Hund' und Krittler hier
An einem Strickchen führen.

Auch lag bei hoher Obrigkeit
Sankt Huberts Schlüssel schon bereit,
Um ihn damit zu brennen:
Doch er verließ, eh dies gescheh'n,
Die Grenzen uns'rer Linien
Um in die Schweiz zu rennen.

Was er gegessen und geseh'n,
Ward in dem Leib des Wüthigen
Zu Gift im Augenblicke:
So kam er toller als vorher,
Bepackt mit Gifte Zentnerschwer,
Nun nach Berlin zurücke.

Da staunte man ob seiner Wuth,
Und fürchtet' eine Sündenfluth,
Im Fall er bersten sollte;
Gleich ritt die Polizey herum,
Die ein Collegium medicum
Dafür zusammenholte.

Man disputirte her und hin,
Und als die Aerzte von Berlin
Nun ihre Vota gaben,
So decitirte der, man sollt'
Ihm aderlassen, jener wollt'
Ihn angezapfet haben.

Allein der Protomedicus
Stand auf, und sprach: ihr Herr'n, hier muß
Man keine Zeit verlieren,
Ich fand des Giftes ihn so voll,
Daß er sogleich purgiren soll;
Und alle schrie'n – purgieren!

Man gab ihm ein. Die Dosis war
Gewaltig groß, und macht' ihm gar
Entsetzliche Beschwerden:
Er schrie dabei gar jämmerlich,
Und krümmte manche Stunde sich,
Des Giftes los zu werden.

Nach langem Drucken endlich wich
Das Gift von ihm, er gab von sich
Acht dicke Bände Reisen:
Dazu lud er uns schriftlich ein,
Und wer von der Partie will sein,
Dem wünsch' ich – wohl zu speisen!

Satyrische, scherzhafte und erotische Gedichte 13

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