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LYRIK Karl Bleibtreu - Poetische Werke 18

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Karl Bleibtreu (1859-1928) - Gedichte

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Poetische Werke 18

Dichtermission

Die Phantasie ist, Wahrheit, deine Nahrung.
Sie ist beständ'ge Gottesoffenbarung.
Die Träumer sind Propheten. Was sie schauen,
Wird in Jahrhunderten von selbst sich bauen.

Gleich wie der Beduine sich seinem Roß vermählt,
Sein Flügelroß der Dichter als einz'ge Gattin wählt.
Der Denker jage einsam wie der Löwe
Die Schakals und die Büffel vor sich her!
Wie eine ruhelose Möve,
Vorm Sturm der Zukunft fliege er!

Die Poesie gleicht dem Achillesspeer,
Der jede Wunde, die er schlug vorher,
Mit seinem Stahl auch einzig konnte heilen.
Halb Balsam ist die Poesie, halb Gift.
Wer ihre Kelche leert, muß wie es trifft,
Gift oder Balsam, Beides mit ihr theilen.

Nie wird aus gleichem Marmor zugeschnitten
Ein zweiter Dichter, wie die Hand der Zeit
Ihn einmal formt. Der Schleier fällt inmitten
Der Welt von dem lebend'gen Monument –
Da ist's kein Antlitz, das die Mitwelt kennt
Aus den Annalen der Vergangenheit.

Die Glorie der wahren Dichtung stammt
Vom Dornenstrauch, der auf dem Horeb flammt,
Unnahbar-lodernd – aber sichtbar sein
Darf er dem Aug' des Moses nur allein.

Was braucht der Denker prächt'ge Ehrendegen?
Ihm ist ja schon die Ehrenpalme worden:
Denn seine Wunden sind des Kämpfers Orden.
Fliegt unser Banner nicht dem Wind entgegen?
Die Donnerwolke bahnt sich ihren Pfad.
Das Wort
Entladet sich und blitzt gewaltig fort,
Schlägt ein als That.

Nur das ist Glück, wenn alle Fähigkeiten
Nach hohem Ziel bis auf das Letzte streiten.
Nur so in äußerm Sturm ist innrer Frieden
Der räthselvollen Menschenbrust beschieden.

Der Dämon des Gedankens steht einsam neben mir,
Vom Diesseits wie vom Jenseits hab' ich mich losgerissen.
Ich finde nimmer Frieden als Mensch auf Erden hier
Und überird'sche Dinge kann ich getrost vermissen.

Das Ueberirdsche brauchst du? Erkennst du denn nicht, Tropf,
Die Beatrice Dante's und Byron-Miltons Satan?
Im Innern steckt's! Das Heil'ge such' du im eignen Kopf,
Als religiös-prophetisch nimm nur die Dichterthat an!

Ich bin mein eigner Richter, furchtlos und hoffnungslos;
Mich kümmert nicht der Tod, mich kümmert nicht das Leben.
Ich stehe und vertraue auf meinen Dämon blos.
Nicht Gott noch Teufel kann mich stürzen oder heben.

Mazeppa ist gefesselt an seines Renners Flanken.
Der reißt ihn fort in tödtliche Gefahr,
Ohnmächtig, blutend, jeder Hoffnung bar.
Doch er erwacht als Hetman der Ukraine.
So reißt der Genius durchs Wirrsal der Gedanken
Den Dichter fort durch alle Lebensschranken.
Doch aus dem Fieberwahn erwacht er nun zum Schluß,
Und wo ihn niederwarf sein Genius,
Erkennt er seiner Herrscherkraft Domaine.

Sucht nicht den Dichter, nur sein Lied!
Der Paradiesesvogel zieht
Hoch überm Haupt der Menschen fort –
Den Ort, wo er geflattert dort,
Zeigt nur des Schweifes heller Schwung,
Der schnell durchfurcht die Dämmerung.

Wie in der Fichtenrinde
Des Harzes Balsam schwillt
Und reichlich überquillt,
Daß jedes Kind ihn finde –
Entquillt des Friedens Segen
Dem Busen der Natur.
Sie einzig tröstet nur
Den Kummer allerwegen.
Und dieses Balsams Düfte
Ins Inn're dringen sie:
Der Duft der Poesie,
Ein Gruß der Himmelslüfte.

Ja, Genien giebt es, die das Sein verschönen,
Verwandt mit Allem, was da groß und gut,
Gemeinschaft mit Gemeinem nur verpönen,
Mit Dunst und Staub; doch die der Sonne Gluth
Des Aethers reinen Hauch, der Erde Düfte
Einsaugen, wie die junge Rebe thut,
Die sich vom Nektar nährt der Himmelslüfte,
Bis alles Süßen Quintessenz ihr Blut.
Und wilder Wein rankt selbst sich über Grüfte –
So selbst den Tod verklären solche Wesen,
Die zu dem Dienst des Schönen auserlesen.

Für ihre Schritte sind die öden Berge,
Der stillen Wälder Stimme hören sie.
Geheimnißvolle Sehnsucht ist ihr Ferge
Zum fernen Wunderland der Phantasie.
Es rauscht für sie im Wasser und im Laube
Musik von Elfen, Feenmelodie
Singt Lerche, Nachtigall und wilde Taube.
Sie lauschen auf der Sphären Harmonie.
Zum Himmel blickt ihr hoffnungsvoller Glaube:
Der Ahnung milde Schauer sie umwehen,
Des Weltalls Urgeheimniß sie verstehen.

Der Promethidenfunke, nie verdunkelt,
Der Wahrheit Blitz erhellt des Lebens Nacht;
Durch der Gedanken Sternenräume funkelt
Der Mond der Poesie in sanfter Pracht;
Und seine Strahlen, die Gefühle, gießen
Ein Zauberlicht in ihres Herzens Schacht;
Melodisch der Begeist'rung Bronne fließen;
Und nun des Abendsterns Magie entfacht,
Wenn Wünsche knospen, Hoffnungsveilchen sprießen,
Im Allerheiligsten der Seelentriebe
Den Himmelsglanz der ewigen Lampe: Liebe.

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